Philosophisch-ethische Rezensionen
(Erscheinungsdatum der rezensierten Bücher: 20. und 21. Jahrhundert)

Karl-Otto Apel, Transzendentale Reflexion und Geschichte, Berlin 2017

In diesem Band sind Texte von Apel aus den Jahren 1996 – 2014 versammelt in der er seine diskursethische Position, die er insbesondere in den Büchern Transformation der Philosophie, Band 1 und Band 2, Frankfurt 1976 und 5. Auflage 1993 dargelegt hat, weiterentwickelt. Folgende Beiträge von Apel enthält der Band:
- Transzendentalpragmatik – Drittes Paradigma der Ersten Philosophie
- Spekulativ-hermeneutische Bemerkungen zu Hintikkas performativer Interpretation von Descartes‘ cogito, ergo sum
- Das Selbsteinholungsprinzip der kritisch-rekonstruktiven Geisteswisschenschaften
- Die Antwort des Diskursethik auf die moralischen Herausforderungen der Gegenwart. Vorlesungen in Louvain-laNeuve
- Kants „Philosophischer Entwurf: Zum ewigen Frieden“ als geschichtsphilosophische Quasi-Prognose aus moralischer Pflicht. Versuche einer kritisch-methodologischen Rekonstruktion der Kant‘schen Konzeption aus der Sicht einer transzendentalpragmatischen Verantwortungsethik
- First Things First. Der Begriff primordialer Mit-Verantwortung. Zur Begründung einer planetaren Makroethik
- Das Problem der Gerechtigkeit in einer multikulturellen Gesellschaft
- Institutionsethik oder Diskursethik als Verantwortungsethik? Das Problem der institutionalen Implementation moralischer Normen im Falle des Systems der Marktwirtschaft.
Der Band schließt mit einem Nachwort von Smail Rapic, dem Herausgeber. Tatsächlich sind diese ganzen Texte Werbe- und Verteidigungschriften der Diskursethik Apel‘scher Prägung – auf wissenschaftlichem Niveau. Ob es nun um die Defizite Kant‘scher Ethik oder der Gegenwartsethik, auch der modernen Wirtschaftsethik geht, immer ist Apel‘s Diskursethik die Lösung, es ist die ständig sich wiederholende Pointe der Texte. So ist der Band reich an Redundanzen, da die Diskursethik aber schon von mehreren Blickwinkel aus betrachtet wird hält sich die Aufdringlichkeit des Ganzen meiner Meinung nach in Grenzen. Wer aber seinen Blick etwa hin auch auf andere Themen weiten möchte und sich auch für andere Aspekte Apel‘schen Denkens interessiert wird hier deswegen nicht so ganz fündig. Im Zentrum steht nun einmal die Diskursethik mit Letztbegründung. Dabei möchte ich aber keineswegs den Eindruck erwecken, als wäre diese diskursethische Position abwegig. Im Gegenteil leuchtet es unmittelbar ein, dass man zusammen im Diskurs mehr erreichen kann – wenn der Diskurs unter bestimmten Regeln abläuft – als alleine auf sich selbst gestellt. Eine solche Vorgehensweise passt außerdem sicher auch zu unseren westlichen Demokratien. Da die von Apel geforderten idealen diskursethischen Regeln, die letztbegründet sind, in der Realität zumeist nur mangelhaft ausgeprägt zu erreichen sind, hat er, um seinen Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen, eine Diskursethik Teil B entwickelt, in der er die Regeln entsprechend angepasst hat und so bloßem strategischem Vorgehen von Diskursteilnehmer wirksam begegnet werden kann. Trotzdem scheint für mich ziemlich klar, dass Diskursethik alleine nicht ausreicht, nämlich selbst dann nicht, wenn eine Einigung der Diskursteilnehmer erreicht wird. Denn damit ist noch lange nichts über die Güte der Einigung ausgesagt. Man kann sich durchaus gemeinsam zu schlimmen Dingen entscheiden, selbst wenn man die idealen Diskursregeln beherzigt. In den Diskurs müssen also andere Vorstellungen zwingend mit eingebracht werden, wie etwa die Frage nach der Gerechtigkeit, nach Folgen, nach Verallgemeinbarkeit, nach innerer Kohärenz und dem Wohlbefinden von Mensch und Natur. Zu diesem gewichtigen Einwand findet sich eigentlich gar nichts in dem gesamten Sammelband und er vermittelt so ein bisschen den Eindruck, als ob all diese Fragen vernachlässigbar sind, wenn nur die empfohlenen Diskursregeln eingehalten werden. Es ist also erforderlich, dass die Diskursteilnehmer im Diskurs von Ihren gebrochenen Lebenserfahrungen  hinwegsehen können - bei Bindung an ein ständiges Bestreben nach dem guten Leben. Dies wird von den Menschen auf unterschiedlichen Arten und in unterschiedlichen Graden geleistet. Miteinander auskommen müssen wir aber selbstverständlich trotzdem.

Jürgen Czogalla, 23.04.2017

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