Philosophisch-ethische Rezensionen
(Erscheinungsdatum der rezensierten Bücher: 20. und 21. Jahrhundert)

Philipp Blom, Böse Philosophen. Ein Salon in Paris und das vergessene Erbe der Aufklärung, München 2013

Während die gemäßigten Aufklärer wie etwa Voltaire, Rousseau und Kant immer im Vordergrund der Rezeption der Aufklärung stehen, werden die Ideen der radikalen Aufklärer wie z. B. von Holbach und Diderot immer wieder zurückgedrängt, bzw. vergessen. So unternimmt es Blom das Andenken dieser Denker wieder einer breiteren Bevölkerungsschicht ins Gedächtnis zu rufen, indem er sein wunderbares Buch vorlegt. Mit viel Begeisterung erzählt er uns die Geschichte des berühmt-berüchtigten Salons von Holbach in Paris, der in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts über mehrere Jahrzehnte zweimal in der Woche den progressivsten, subversivsten und geistreichsten Denkern seiner Zeit die damals unerhörte Möglichkeit zu wirklich freiem Meinungsaustausch über philosophische Themen bot, ein Kreis von begeisterten und brillanten Gelehrten, der es bald zu internationaler Berühmtheit brachte. Dort wurde ein Atheismus, evolutionistische Gedanken und eine Ethik vertreten, die für eine Humanität, Empathie und Eros eintritt, gerade weil es keinen Gott gibt, der der Welt Regeln vorgeben kann, und der Mensch so selbst Hand anlegen muss, um es sich „schön“ zu machen, indem er Leid vermeidet und sich nicht vor seinem eigenen Leib ekelt, im Grunde Ideen, die heute noch aktuell sind, in ihrer Radikalität aber auch heute noch schockieren können. Im Zentrum dieses Kreises stehen Diderot, der Herausgeber der epochalen, monumentalen „Encyclopédie“, von Blom treffend als ein „trojanisches Pferd“ für die Gedanken der Aufklärung bezeichnet, und der Gastgeber Holbach selbst, überzeugter Atheist und anonymer Autor mehrerer radikaler Schriften. Aber auch Rousseau gehörte, bevor es später zum Bruch kam, anfangs zu diesem Kreis, wie auch über Jahre hinweg der bedeutende britische Philosoph David Hume während seines Parisaufenthaltes. Blom erzählt immer wieder kurz die Lebensgeschichten der zentralen Figuren der radikalen Aufklärung und vergisst dabei bei aller Sympathie nicht, die jeweiligen Schattenseiten zu erwähnen, die Intrigen, die Brüche, die Eklats des Kreises. Und er stellt sich die Frage, warum es die Denker Rousseau, den er als zwanghaften, von Verfolgungswahn geplagten Lügner und Vertreter einer totalitären Philosophie vorstellt, und Voltaire ins Pantheon in Paris gebracht haben, während die Gräber von Holbach und Diderot ganz abseitig liegen.

Das Buch führt zurück in eine spannende Zeit, in der in kleinen Salons oft schon so frei gesprochen werden konnte, wie es bei uns heute überall selbstverständlich ist, in der aber Menschen, die gegen absolutistische Herrschaft, gegen Kirche und für Menschenrechte argumentierten, trotzdem sonst noch immer Gefängnis, Verbannung und Tod drohte, denn eine strenge Zensur war allgegenwärtig.

Durchweg ein spannendes Buch, dem man höchstens den Vorwurf machen kann, dass es bei all der Begeisterung für die radikalen Aufklärer nicht besonders ausgewogen ist.

Jürgen Czogalla, 02.03.2013


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