Philosophisch-ethische Rezensionen
(Erscheinungsdatum der rezensierten Bücher: 20. und 21. Jahrhundert)

Eva-Maria Heinze, Einführung in das dialogische Denken, Freiburg im Breisgau 2011

In den Schlussbetrachtungen ihres Buches stellt die Autorin fest, dass das dialogische Denken, dass sie hierin thematisiert, in der gegenwärtigen akademischen Welt so gut wie gar nicht rezipiert wird. Eine verstärkte Rezeption im akademischen Bereich möchte sie aber nun durch ihr Buch offensichtlich anstoßen. Sie tut dies indem sie die Denkwege von 6 dialogischen Denkern (Eugen Rosenstock-Huessy, Franz Rosenzweig, Ferdinand Ebner, Martin Buber, Karl Löwith und Emmanuel Levinas) stark textorientiert anhand jeweils eines Werkes, das sozusagen besonders exemplarisch für das dialogische Denken des entsprechenden Autors steht, noch einmal wiedergibt, bzw. versucht sie authentisch darzustellen und für deren Plausibilität zu werben. Dazu wird auch immer wieder ausgiebig aus Sekundärliteratur und Primärtext zitiert.

Es gelingt der Autorin nicht, mich für das dialogische Denken zu begeistern. Das liegt sicher auch an ihrer spröden, verwissenschaftlichten Sprache, die sie verwendet, als auch wohl an dem Denken, das sie vorstellt. Spannend ist anders. So wichtig und richtig der Gedanke auch sein mag, dass wir in unserem Leben als Menschen – konstitutiv – auf ein Du, mit dem wir uns austauschen können, angewiesen sind, erscheint das mir alleine als Entwurf für eine Philosophie oder für eine Ethik doch etwas dürftig, obwohl es natürlich wünschenswert ist, dass andere Philosophie oder Ethik das Du und seine Beziehung zum Ich als besonders sinnstiftendes Miteinander nicht vergisst. So kann das dialogische Denken zwar meiner Meinung nach ganz anregend sein und ein bisschen infizierend wirken, bleibt aber alleine für mich wenig überzeugend. Gerade darum finde ich es auch schade, dass die Autorin nicht versucht Brücken vom dialogischen Denken zu anderen philosophischen Richtungen der Gegenwart zu schlagen (man könnte zum Beispiel versuchen in Dialog zu Habermas Diskursethik etc. zu treten), sondern das dialogische Denken erscheint mir in ihrem Buch merkwürdig eingekapselt und in sich selbst verkrümmt. Das liegt sicher auch an dem textorientierten Konzept ihres Buches, das sich auf Autoren bezieht. Ich hätte mir lieber eine Einführung nach Themen gewünscht und dass die Autorin sagt, was am dialogischen Denken für sie wichtig ist und wo sie meint, dass der Weg hingehen soll, also ein eigenständiges Konzept. Das wäre dann allerdings eine schwierigere Aufgabe gewesen als sicher nicht ganz leicht verständliche Texte bloß textnah interpretiert wiederzugeben, in sechs Kapiteln zu etwa je 20 Seiten, die mich ein bisschen an 6 in ein Buch vereinigte Seminararbeiten erinnert haben. Im übrigen finde ich vieles an den vorgestellten Denkwegen antiquiert und befremdlich, wie zum Beispiel Levinas Idee einer akkusativen (Selbst-) Anklage (hier besteht unter anderem etwa die Einzigkeit des Sich darin die Schuld der Anderen zu tragen). Für mich ist das zu abgehoben und „bodenlos“, fast schon ein wenig ein Ich-Du-Idealismus.

Zusammenfassend: Ich bin vom Buch und den dialogischen Denkern doch etwas enttäuscht.

Jürgen Czogalla, 04.12.2011

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