Philosophisch-ethische Rezensionen
(Erscheinungsdatum der rezensierten Bücher: 20. und 21. Jahrhundert)

Vittorio Hösle, Die Krise der Gegenwart und die Verantwortung der Philosophie, München 1990, 3. Auflage

In dem ersten von 3 Kapiteln analysiert Hösle, nach einem (super) kurzem Durchgang durch die Philosophiegeschichte, die Hauptströmungen der Gegenwartsphilosophie, die er einer nicht allzu ausführlichen, vielmehr skizzenhaften und scharfen Kritik unterzieht. Die Gegenwartsphilosophie bemühe sich unter anderem nicht um die große Synthese, um ein umfassendes System, es herrsche ein sektorielles Denken vor (Spezialistentum), das den Blick aufs Ganze verstellen würde und die Philosophie würde zu wenig Stellung zu den drängensten Fragen der Zeit nehmen. Im zweiten Kapitel befasst sich Hösle mit Apels transzendentalpragmatischem Ansatz, den er ausführlicher darstellt und als solchen würdigt. Schließlich kritisiert er diesen Ansatz im abschließenden dritten Kapitel und schlägt zum Beseitigen dessen Defizite seine Philosophie eines objektivem Idealismus in Anlehnung an Hegel vor, den er aber um die Kategorie der Intersubjektivität erweitern möchte und so meint Apels Theorie gut aufheben zu können. Ziel des Universums ist nun nicht mehr wie noch bei Hegel dessen Erkenntnis durch ein einsames Subjekt, sondern gemäß der für Hösle höheren Stufe gilt es nunmehr das Absolute als Intersubjektivität zu erfassen und zwar diese intersubjektive Relation als Selbstzweck. Hösle skizziert allerdings bloß als eine Art von Arbeitsprogramm in diesem Buch wie seiner Meinung nach ein solches System des objektiven Idealismus in heutiger Zeit aussehen müsste und welche aktuellen philosophischen Probleme mit diesem System gelöst werden könnten (so ziemlich alle, scheint der Autor zu meinen). Warum Hegels Programm im 19. Jahrhundert im Grunde gescheitert ist, analysiert Hösle leider so gut wie gar nicht. Ob sein „verbesserter“, auf die moderne Zeit zugeschnittener Ansatz mehr Erfolg verheißt, scheint mir doch sehr zweifelhaft. Das für mich kurioseste Kapitel war jenes, in dem er die genetischen Voraussetzungen für voraussetzungslose Erkenntnis eruiert: Bezogen auf einen Mensch heißt das: Hoher moralischer Sinn, Unwille sich mit Glaubenstatsachen oder Meinungen zufriedenzugeben, theoretische Intelligenz, Enthusiasmus und ein kritisches Nachfragen, dass sich aber darauf besinnt, dass ein Nachfragen ohne einen letzten Ausgangspunkt  letztlich überhaupt nicht sinnvoll sein kann.

Jürgen Czogalla, 28.09.2009

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