Philosophisch-ethische Rezensionen
(Erscheinungsdatum der rezensierten Bücher: 20. und 21. Jahrhundert)

Thomas Hoffmann, Das Gute, Berlin/Boston 2014

Das Buch ist ein Band innerhalb der Reihe „Grundthemen Philosophie“ des De Gruyter Verlags. Herausgeber der Buchreihe sind Dieter Birnbacher, Pirmin Stekeler-Weithofer und Holm Tetens.

Der Autor vertritt eine objektive Form der Ethik, deren Aussagen seiner Meinung nach auch wahrheitsfähig sind. Er geht so vor, dass er in den ersten Kapiteln erst einmal seinen philosophischen Hauptgegner aufs Korn nimmt, nämlich die Vertreter einer sogenannten nonkognitivistischen Theorie, die leugnen, dass es im Bereich des Normativen wahre und objektiv gültige Aussagen und Erkenntnisse gibt. Er kritisiert dann die darauf fußende, an empirischen Wissenschaften orientierte Erkenntnistheorie und stellt dieser eine eigene Erkenntnistheorie einer geistreichen Welt entgegen, in der er nach eigenem Bekunden unsere durch die empirischen Wissenschaften entzauberte Welt in angemessener Weise wiederverzaubern möchte, ohne aber dabei in die seiner Meinung nach ganz und gar märchenhafte Welt eines platonischen Supernaturalismus zu verfallen. Mit seiner Theorie eines hermeneutischen Naturalismus, der auf unserer gewöhnlichen (Alltags-)Praxis, auf dem, wie wir in der Welt sind und wie wir darin sozusagen hantieren und agieren, basiert, meint er die goldene Mitte zwischen platonischem Supranaturalismus und einem szientistischen Naturalismus, der versucht, unsere gewöhnliche Begrifflichkeit auf eine wissenschaftlich-empiristische Begrifflichkeit zurückzuführen, gefunden zu haben. Er beschreibt dann eine natürliche Normativität, in der jede Lebensform Natur und Begriff ihres Exemplars ist und jedes Exemplar nach Meinung des Autors objektive Defekte hat, wenn es ihm nicht gelingt, seine Lebensform möglichst makellos darzustellen, wie z. B. ein Specht, der nicht mit seinem Schnabel gegen Baumstämme klopft, eben einen natürlichen Defekt aufweist. Das Ganze trägt er dann in die Ethik mit hinein: Auch hier geht es darum, dass der Mensch eine intrinsische Lebensform mit dem grundlegenden, formalen Telos (=Ziel) des Wohlbefindens und des natürlichen Gedeihens ist, der in der Ethik eben material aufgefüllt wird. In Abhängigkeit zu diesem formalen Telos kann man nun nach Ansicht des Autors zu wahren oder auch falschen normativen Urteilen kommen, nämlich, wie auch beim Specht, ob ein betreffender Mensch natürliche, jetzt aber auch etwa moralische Defekte aufweist, ob es sich um ein gutes Exemplar Mensch oder eben um einen schlechten Menschen handelt. Der Autor ist davon überzeugt, dass so gewonnene Einsichten gar nichts mehr mit irgendwelchen Emotionen, Projektionen, Präferenzen, Pro- und Contra-Einstellungen einiger oder mehrerer Menschen zu tun haben, sondern Urteile über die natürliche Qualität etwa einer Handlung oder eines Menschen ergibt sich für den Autoren schlechterdings aus objektiven Tatsachen. Dabei ergibt sich für den Menschen, dass er von einer Bewegungsform geprägt ist, die eine Bewegung im Raum der (rationalen) Gründe darstellt. Für den Autor ist das Wollen und Tun des Menschen in der Regel prinzipgeleitetes Beabsichtigen und Handeln, und tatsächlich stellt er seine Lebensform nur in einem solchen Handeln makellos und nicht defizitär nach Meinung des Autors dar. Zum Gedeihen des Exemplars Mensch gehört es nun für den Autor, dass er Tugenden ausbildet, um eben diesen Grundtelos zu erreichen, er nennt etwa Anteilnahme, Aufgeschlossenheit, Bescheidenheit, Tapferkeit, Takt, Mut, Redlichkeit, Weisheit, Klugheit u.a.. Irrational sind für ihn dementsprechend die Laster wie etwa Schadenfreude, Respektlosigkeit, Feigheit, etc.. Moralische Qualität ist für den Autor rationale Qualität, die wiederum eine natürliche Qualität des Menschen ist. Hoffmann spricht sich in seinem Buch außerdem gegen eine rigoristische Moral aus und meint, das gute Handeln könne sich nicht ermitteln lassen, ohne die je vorliegende Situation zu berücksichtigen. Außerdem ist er auch dagegen, gleichsam Handlungskataloge zu erstellen, sondern er vertraut auf die ethische Urteilskraft der (hoffentlich) „gediegen“ gebildeten Handelnden.

Mit seinem argumentativ anspruchsvollen Werk greift der Autor auch selbst eingestandener Maßen auf aristotelische Motive zurück und lobend erwähnt er auch immer wieder Philippa Foot mit ihrem kleinen Büchlein „Die Natur des Guten“ in Deutsch 2004 erschienen. Für mich gilt hier allerdings im Grunde ganz ähnliches wie schon auch bei meiner Rezension zu Foot's Büchlein: Die Kritik des Autors am Nonkognitivismus ist sehr interessant und hat mich zum Teil durchaus auch überzeugen können, der Gegenentwurf trifft aber meiner Meinung nach eben nicht eine goldene Mitte, sondern schlägt ins andere Extrem aus, es bedeutet praktisch den Ausschluss des Emotionalen und auch des Schöpferischen aus dem Bereich der Ethik. Dass unsere „korrekten“ ethischen Erwägungen so gar nichts mehr mit unseren Gefühlen und Präferenzen zu tun haben sollen, halte ich für eine ziemlich naive Ansicht. Als Mensch spielen für uns unsere Emotionen immer eine Rolle, auch wenn wir uns das Gegenteil einbilden mögen, und das ist auch ganz gut so, und eben menschlich. Fragwürdig ist natürlich auch überhaupt der ganze teleologische Ansatz des Autors in dieser extremen, schematischen Form, den ich persönlich für höchst ideologieanfällig halte. Was man schon alles in der Vergangenheit für die Natur des Menschen entsprechend gehalten und den lieben Mitbürgern eingebleut hat (z. B. natürliche Minderwertigkeit der Frau oder naturgegebene, perfekte Herrschaftsform des Absolutismus etc.) ist schon erstaunlich. Mit dem teleologischen Ansatz allein kommt man einfach aus bestimmten Sackgassen meiner Meinung nach nicht mehr heraus, da muss man sich austauschen, auch mal einfach sagen, wie man bestimmte Dinge empfindet oder welche Interessen man hat, damit es vorangeht. Interessanterweise geht der Autor in seinem Buch auf die geschichtliche Entwicklung des philosophischen Gedankens, den er vertritt, gar nicht erst ein oder versucht etwa zur Evolutionstheorie noch etwas zu sagen, die ja den teleologischen Gedanken ganz über Bord geworfen hat. Auch liefert er kaum Ansätzen für eine Anthropologie – und eine Anthropologie im Sinne des Autors zu schreiben würde wohl auch dann gleichzeitig bedeuten, eine umfangreiche, detaillierte Ethik zu schreiben. Nur, vermute ich mal, eine solche Ausarbeitung nach Hoffmannschen Vorgaben wäre von ihren Ergebnissen her denn doch eher peinlich, da ist es schon um einiges angenehmer, wenn man nach reichlich unscharfen Ausführungen die Eigenständigkeit moralischer Urteile von „gediegenen“ gebildeten Menschen besonders wirksam vorschützt, bevor man sich selbst ans Eingemachte wagt. Auf mögliche Vorwürfe hinsichtlich der offensichtlichen Zirkularität seiner Argumentation (es sei natürlich gut für den Menschen, wenn er im Beabsichtigen, Handeln und in seinem Charakter rational ist, und es sei deshalb rational, wenn der Mensch sich daran orientiert, was für den Menschen natürlich gut ist), die er gar nicht ableugnet, aber doch zugleich zu entkräften meint, oder dem Vorwurf eines unerlaubten Schlussfolgerns seinerseits vom Sein auf das Sollen geht er zu mindestens in einiger Ausführlichkeit ein.

Hoffmann hat ein anspruchsvolles, auch durchaus schwieriges, sperriges Buch geschrieben, in dem er seine Punkte aber doch recht klar anbringen kann, aber leider oft auch ein bisschen verstellt durch manchmal doch übertrieben detaillierte Illustrationsversuche für seine Argumentationslinien, was meinem Geschmack nach bei einigen Passagen sogar ins unfreiwillig Komische abdriftet (wer seine häufigen „E von L zu ψ-en“ Beispiele gelesen hat, weiß was ich meine – und leide).

Eingestreute lateinische, griechische oder auch englische Zitate übersetzt der Autor in aller Regel – auch in den Anmerkungen – nicht. Meiner Meinung nach kann man den Gedanken des Buches aber auch ohne solche Sprachkenntnisse noch folgen, auch wenn englische Zitate schon doch etwas häufiger vorkommen. Es bleibt aber ein Ärgernis.

Jürgen Czogalla, 14.09.2014

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