Philosophisch-ethische Rezensionen
(Erscheinungsdatum der rezensierten Bücher: 20. und 21. Jahrhundert)

Philipp Hübl, Der Untergrund des Denkens. Eine Philosophie des Unbewussten, Hamburg 2015

Philipp Hübl erklärt zunächst einmal, wann der Begriff des Unbewussten seiner Meinung nach überhaupt Sinn macht. Dabei unterscheidet er ihn von nichtbewussten Prozessen (z. B. Blutfluss und elektrische Entladungen im Gehirn), während unbewusste Prozesse laut Hübl eine gewisse Ähnlichkeit zu bewussten Prozessen aufweisen würden, nur dass wir von ihnen eben nichts mitbekommen (z. B. Vorgänge, die zu kreativen Ideen führen). Wenn wir etwas bewusst wahrnehmen, sind die entsprechenden Vorgänge vielschichtiger und wir erhalten mehr detaillierte Informationen über die Welt. Dabei erleben wir aber immer mehr im Bewusstsein, als wir verarbeiten können. Hübl kommt schließlich zu dem Schluss, dass wir immer noch die Herren im eigenen (psychischen) Haus sind, auch wenn wir nicht immer ganz genau wissen können, was in unserem Unterbewusstsein vor sich geht. Aufmerksamkeit und Vernunft helfen uns dabei, dass alles wieder in Ordnung kommt und mögliche Täuschungen des Unbewussten verschwinden, wenn wir nur wollen. Das kann man trainieren, Täuschungen und Beeinflussungen kann man sich klar machen und bewusst vernünftig gegensteuern. Vorgeblich wissenschaftliche Aussagen, die von einer Macht des Unbewussten über uns, von einer Illusion der Freiheit oder unserem Kontrollverlust sprechen, lehnt der Autor begründet ab. Er klopft insbesondere vorgebliche Hinweise in diese Richtung, die aus empirischen Versuchen resultieren, auf ihre Gültigkeit, Tragweite und Plausibilität hin ab und kommt hier regelmäßig unter Benutzung eines vorher definierten philosophischen Instrumentariums zu negativen Ergebnissen und bringt dann immer wieder auch gegenteilige Experimente zur Sprache, die das dann seiner Meinung nach auch weiterhin belegen. In einem Schlusskapitel („Das sichtbare Mysterium“) schreibt er die wichtigsten Punkte seines Buches dann noch einmal sozusagen in einer kurzen Inhaltswiedergabe für den Leser zusammenfassend nieder.

Die Aufgabe des Philosophen, wie Hübl sie in diesem Buch vorstellt, besteht für ihn darin, ein philosophisches Instrumentarium zu entwickeln und damit empirisch-wissenschaftliche Experimente kritisch, korrigierend und interpretierend zu begleiten. Dabei referiert der Autor wirklich eine ganze Latte von hochinteressanten empirischen Versuchen, die dem Geheimnis des Unbewussten und deren Wirkmacht über uns auf den Grund gehen wollen, die er dann eben kritisch begleitet. Das ist dann meiner Meinung nach zwar alles schon hochinteressant, aber letztlich nicht wirklich befriedigend. Zum einen verliert der Autor meiner Meinung nach den Blick für das Ganze (es ist schwierig den sprichwörtlichen Wald noch zu sehen), zum anderen ist dem Problem des Unbewussten mit empirischen Versuchen alleine nicht so recht beizukommen. Wenn ich mir die Versuche so vergegenwärtige, so sind es jeweils nur winzig kleine Ausschnitte aus dem Bereich des Unbewussten, die untersucht – und das auch nicht wirklich immer überzeugend – werden. Allgemeine menschliche Erfahrungen, wie sie etwa in Kunst und Literatur, oder auch in unserer je eigenen Lebenserfahrung zu diesem Thema vorkommen und womöglich Wichtiges zu sagen hätten, werden vom Autor konsequent ausgeblendet, da wartet er eben doch lieber erst einmal auf den passenden empirischen Versuch. Philosophie wird hier meiner Meinung nach in Richtung empirischer Wissenschaft hin einseitig verengt, blendet andere Lebensbereiche konsequent aus und verarmt. Dabei erreicht sie ein verkürztes Bild, das immerhin gut empirisch belegt ist, aber in der Gefahr steht wirklich auch zu verzerren.

Fazit: Ich habe das Buch immer noch gerne gelesen, es ist verständlich und teilweise durchaus auch argumentativ ansprechend geschrieben und die vielen empirischen Versuche, die referiert werden, erstaunen und unterhalten gut. Ein populärphilosophisches Buch.

Jürgen Czogalla, 16.11.2015

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