Philosophisch-ethische Rezensionen
(Erscheinungsdatum der rezensierten Bücher: 20. und 21. Jahrhundert)

Jos Kessels, Das Sokrates-Prinzip. Ein philosophischer Ideengeber zur Lebensgestaltung, München 2016

Sokrates ist zweifellos eine der ganz großen Lichtgestalten der Philosophie. Seine liebenswerte und faszinierende Gestalt ist uns besonders in den platonischen Dialogen übermittelt, in denen ich bis heute immer mal wieder blättere. Und eins meiner absoluten philosophischen Lieblingsbücher ist und bleibt hier „Das Gastmahl“. Kein Wunder also, dass ich auf das Buch von Jos Kessels aufmerksam wurde, das verspricht aus dem Geist Sokrates und Platons Leitlinien für die eigene Lebensgestaltung zu gewinnen – und das eben auch ein bisschen aus moderner Sicht. Tolles Thema. Der Autor selbst ist seit vielen Jahren als philosophischer Coach tätig und zu wenigstens in seiner Heimat Holland ein bekannter Philosoph, ich selbst habe ihn vorher nicht gekannt. Der Einstieg des Buches ist eine Aufforderung des Autors unseren Geist zu schulen, die Fähigkeiten zu entwickeln zu erkennen, was zu tun in einer bestimmten Situation angemessen und lohnenswert ist und was das gute Leben eigentlich ausmacht, eine Einsicht in das Gute, Wahre und Schöne zu erreichen. Diese sokratische Schulung zu kennzeichnen und Mittel und Wege aufzuzeigen, wie man sie erlangen kann, das ist im Grunde auch schon die ganze Intention des Autors. Im Grunde rät er uns ein Leben nach dem Vorbild des Sokrates zu führen und versucht den Leser auch ein bisschen dazu zu verführen. Daher hat Philosophie für ihn auch immer etwas mit dem zu tun, was einen ganz persönlich bewegt und so ist es wichtig sich selbst zu erforschen und sich über die tragenden Ideen des eigenen Lebens im klaren zu werden. So ist es nur konsequent, dass das Buch von Kessels auch mit vielen ganz persönlichen Geschichten zu passenden Stellen aufwartet. So erfährt man z. B. auf welch verschlungenen und nicht ganz ungefährlichen Pfaden er selbst schließlich bei der sokratischen Philosophie angekommen ist, bei der er sich seit vielen Jahren nunmehr ganz zu Hause fühlt und dessen Weisheit er als Coach auch erfolgreich weitergibt. Neben seinem Rat sich selbst zu erforschen, liegt es ihm noch besonders am Herzen uns zum Führen guter Gespräche zu animieren, das poetische Argument zu suchen (zu schauen was einen wirklich bewegt), die Ideen hinter den Dingen zu suchen und diese Erkenntnisse dann wieder in die Praxis zu überführen und so die Welt zu bereichern, und ganz, ganz wichtig in der sokratischen Philosophie, sich in der Liebe stetig zu üben.

Jos Kessels hat ein sympathisches und auch durchaus hilfreiches Buch geschrieben, aus seiner reichen persönlichen Erfahrung heraus und letzteres merkt man auf jeder Seite. Er ist ganz überzeugt von seinem Ansatz und muss ihn sich nicht mehr selbst großartig versichern. So werden kritische Stimmen wie z. B. die von Karl Popper mehr am Rande genannt und wenn, dann geschieht die Auseinandersetzung mit solcher Kritik meiner Meinung nach derartig, dass deutlich wird, dass sie dem Autor nicht so ganz wirklich am Herzen liegt. Ihm geht es vor allem darum seine Methode zur Lebensweisheit, die er sich über Sokrates angeeignet hat, weiter zu vermitteln. Das gibt dem ganzen Buch nach meinen Geschmack ein bisschen einen Guru-Touch. Trotzdem ist es aber natürlich ein sehr sympathisches und vor allem auch ehrliches Buch geworden, in dem sich der Autor nicht hinter irgendwelchen Objektivitäten nur versteckt. Es gewährt mir aber zu wenig Ausblicke über den Tellerrand der sokratischen Methode hinaus, so dass es über weite Strecken eben doch nur ein Selbstmonolog statt eines Dialoges mit der Umwelt geworden ist. Davon bin ich zwar weniger begeistert, aber es ist andererseits eine übliche und effektive Methode um Wissensinhalte zu vermitteln und somit der Intention des Autors nicht unangemessen.

Jürgen Czogalla, 19.06.2016

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