Philosophisch-ethische Rezensionen
(Erscheinungsdatum der rezensierten Bücher: 20. und 21. Jahrhundert)

Nuccio Ordine, Von der Nützlichkeit des Unnützen, Berlin 2014

Der Autor bezeichnet sein Buch selbst als einen Essay, der dreigeteilt ist: Erster Teil: „Die nützliche Nutzlosigkeit der Literatur“, Zweiter Teil: „Die Universität als Unternehmen und die Studenten als Kunden“, Dritter Teil: „Besitzen tötet: Menschenwürde, Liebe, Wahrheit“. Im Anhang wurde ein Essay von Abraham Flexner aus dem Jahre 1939 beigefügt, der für mich denn auch der beste Teil des ganzen Buches darstellt.

Der Autor singt das Loblied des Wissens, das sich selbst Zweck an sich ist und das keinem Nutzenkalkül unterliegt. Er beschreibt solch eine Wissensbewegung als willkürlich, uneigennützig und als unabhängig von praktischer und wirtschaftlicher Verpflichtung. Dafür spielt aber für ihn ein solches Wissen eine entscheidende Rolle bei der kulturellen, geistigen und zivilisatorischen Entwicklung der Menschheit: Ein solches unnützes Wissen hilft uns nämlich dabei bessere Menschen zu werden. Eine bloße Logik des Gewinnstrebens, die im Bildungswesen beginnt Einzug zu halten, beurteilt der Autor dagegen als kontraproduktiv, schädlich und zerstörerisch. Ein weiterer Hauptgegner von ihm überhaupt ist das utilitarische Nutzendenken, denn für ihn deckt sich der Kern des Lebens nicht im Nützlichem, sondern im Guten. Gerade Literatur, Geisteswissenschaften, Kultur und Bildung erscheinen ihm so als Fruchtwasser für die Ideen der Demokratie, der Freiheit und der Gerechtigkeit.

So sympathisch mir auch die Idee einer nutzlosen Wissenschaft und so einleuchtend mir auch ihre Wichtigkeit zu sein scheint, so bin ich dennoch von diesem Buch von Nuccio Ordine enttäuscht. Denn wo ich mir doch vor allem intellektuell auch anspruchsvolle, inspirative Begründungen für ihre zentrale Bedeutung erhoffte, fand ich hier - und ganz besonders im ersten Teil – zumeist nur oberflächliche Phrasen vor, die auch nicht tiefer werden, wenn man sie ständig mit Klassikerzitaten untermauert. Sehr gut dagegen gefiel mir der im Anhang abgedruckte, alte Essay von Abraham Flexner, der seine Behauptungen auch immer wieder mit Fakten untermauert und vor allem nicht einem bloßen und auch ein wenig hanebüchenen Kontrast auf Leben und Tod zwischen der nutzlosen und zweckgebundenen Wissenschaft verfällt. Im Gegensatz zu Ordine bleibt sein Beitrag nicht nur auf dem Teppich, sondern hält auch ein schönes Gleichgewicht, während Ordine mit verbissener Begeisterung und manchmal sogar ein bisschen fanatisch seinen einseitigen und eindimensionalen Standpunkt vertritt. Das wirkt leider insgesamt gesehen, auch wenn ich seine grundlegende Ansicht von der Wichtigkeit „nutzlosen“ Wissens und „nutzloser“ Bildung im Grunde wirklich teile, nicht wirklich sexy auf mich.

Jürgen Czogalla, 07.02.2015

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