Philosophisch-ethische Rezensionen
(Erscheinungsdatum der rezensierten Bücher: 20. und 21. Jahrhundert)

Philip Pettit, Gerechte Freiheit. Ein moralischer Kompass für eine komplexe Welt, Berlin 2015

Wenn es darum geht Meinungen zu beurteilen, denen es um Kritik und die Verbesserung politisch-sozialer Verhältnisse geht, haben wir nach Pettit nicht geringe Schwierigkeiten, diese wirklich befriedigend zu beurteilen. Das liegt aber nach Meinung des Autoren daran, dass uns im Wirrwarr der unzähligen Meinungen und Daten ein moralischer Kompass fehlt an dem wir uns ausrichten und die besten Wege für uns alle herausfiltern könnten. Einen solchen Kompass nun möchte der Autor dem Leser mit seinem Buch anbieten: Eine Orientierung an dem Ideal der Freiheit als Nichtbeherrschung. Diese wird als grundlegendes Prinzip verwendet, von dem dann bestimmte Erfordernisse abgeleitet werden. So ergeben sich z. B. für Pettit die Erfordernisse der sozialen Gerechtigkeit danach, mit welchen sozialen Regelungen man die Freiheit als Nichtbeherrschung unter den Menschen am besten fördert. Was ist jetzt aber genau mit Freiheit als Nichtbeherrschung gemeint? Sie bedeutet im Grunde, dass man sein eigenes persönliches Leben führen kann, ohne dass andere die Macht haben, sich in das einzumischen, was man für sich wählt. Freiheit als Nichtbeherrschung erweist sich als Schlüsselgut, dass dann auch die Realisierung anderer Güter nach sich zieht, wenn man sich um seine Verwirklichung bemüht. Für Pettit wird sie nun sogar in Angelegenheiten sozialer Gerechtigkeit das einzig leitende Gut, dass die Funktion eines regulativen Ideals erfüllen kann. Die Idee einer Freiheit als Nichtbeherrschung bezeichnet der Autor als ein republikanisches Ideal, das in scharfem Gegensatz sowohl zum klassischen als auch zum modernen Liberalismus steht. Diese gehen nämlich nur von dem Ideal einer Freiheit als Nichteinmischung und dem Recht auf Unbehelligtsein aus. Dagegen setzt die Freiheit im republikanischem Denken eine Gesellschaft voraus, die die Unantastbarkeit der Grundrechte vor der Macht anderer in der Gesellschaft schützt: Hier schützen Gesetze und Normen einer gerechten Gesellschaft die Freiheit. Der Staat soll sich hier also schon einmischen, solange nur seine Gesetze die freiheitlichen Grundlagen bewahren und befördern helfen. Auch reicht es dem Autoren nicht, das zu bekommen, was man will, um bei seiner Wahl als frei zu gelten. Man muss vielmehr unabhängig davon, was es ist, was man will, in der Lage sein, zu bekommen was man will (solange das Ziel einer Freiheit als Nichtbeherrschung für alle nicht verletzt wird), ohne Rücksicht darauf, was andere von einem erwarten. Wahlfreiheit genießt man seiner Meinung nach dann in vollem Umfang, wenn drei Bedingungen erfüllt sind: 1. Man muss Raum und Mittel haben, die bevorzugte Option zu realisieren, 2. Jede Option ist prinzipiell zugänglich, nicht bloß die Option, die gerade vorgezogen wird, 3. Die bevorzugte Option muss nicht nur dann weiter Bestand haben, wenn man seine Meinung ändert, sondern auch noch dann, wenn andere ihre Meinung dazu ändern, was man als betreffende Person wählen sollte. Von diesem Basisprinzip aus gibt der Autor dann noch mehr oder weniger skizzenhafte, dabei aber durchaus gehaltvolle Ausblicke, was eine gerechte Gesellschaft, eine gut funktionierende Demokratie und eine auf Freiheit und Souveränität basierende Staatengemeinschaft ausmacht. Als Hilfe zu diesen drei Bereichen bietet er dann einen „Blickwechsel-Test“, einen „Pech-gehabt-Test“ und einen „Offene-Rede-Test“ an, die man anwenden kann, um zu überprüfen, ob man sich mit seinen Konzepten noch auf dem rechten Weg befindet. Schließlich gibt der Autor dann zum Abschluss noch in einem Anhang einen Überblick über seine gesamte Argumentation an, welche sich als eine Art Kurzzusammenfassung seines ganzen Buches darstellt – und denn auch doch ziemlich redundant ist, wenn man dieses vorher wirklich ganz gelesen hat.

Die Idee des Autors sich gerade bei Fragen der Gerechtigkeit an einem anspruchsvollen, sympathischen Freiheitsideal zu orientieren, finde ich im Grunde gut, inspirierend, hilfreich und sehr bedenkenswert, zumal es sich nicht um ein Ideal handelt, dass Solidarität mit sozial Schwachen ausschließt, sondern sie geradezu fordert. Was mir aber nicht so gut gefällt und auch nicht so recht einleuchten will ist, dass hier dieses Ideal als wirklich oberstes Prinzip genommen wird, aus dem gemeint wird, man könne alles andere vollkommen befriedigend ableiten. Ich glaube im Grunde nicht, dass das auch nur annähernd wirklich realistisch ist, denn dieses Ideal braucht nicht nur dringend andere Ideale sozusagen zur Beratung, sondern ist vielmehr durch andere Ideale immer auch schon – positiv oder auch negativ – kontaminiert. Das gilt es meiner Meinung nach in der Theorie nicht nur zu berücksichtigen, sondern auch zu entfalten, auch wenn es die verführerische Simplizität des Alles-Aus-Einem-Prinzip-Ableitens zerstört. Vor allem aber steht die absolutistische Struktur des Ableitens aus nur einem Prinzip eigentlich in hartem Gegensatz zu den eigentlichen Inhalten dieses philosophischen Ansatzes: Irgendetwas ist hier also ganz und gar unstimmig. Auf jeden Fall aber verdient das Ideal des Autors meiner Ansicht nach eine Berücksichtigung – unter anderen Aspekten – wenn es um Fragen der Gerechtigkeit geht.

Jürgen Czogalla, 14.06.2015

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