Philosophisch-ethische Rezensionen
(Erscheinungsdatum der rezensierten Bücher: 20. und 21. Jahrhundert)

Beate Rössler, Autonomie. Ein Versuch über das gelungene Leben, Berlin 2017

Autonomie brauchen wir unbedingt, um ein geglücktes Leben zu führen, meint die Autorin. Damit meint sie aber nicht eine in sich selbst verkrümmte Autonomie, sondern eine, die mit anderen zusammen wächst und von Gemeinschaft mit ermöglicht und gestärkt wird, aber von ihr auch bedroht werden kann. Ein autonomes Leben führt, wer hinter seinen Vorhaben steht, sie selbständig entwickelt und sich für sie entschieden hat. Er führt sein Leben nach eigenen Überzeugungen und Wertvorstellungen. Ein Leben gelingt für die Autorin erst dann, wenn wir nicht nur irgendwelche von uns geforderten wertvollen Projekte verfolgen, sondern nur, wenn wir diese auch wirklich selbst als wertvoll anerkennen und erfahren. Dabei problematisiert die Autorin all die Dinge, die ein autonomes Leben schwermachen und hemmen können: Die eigene unvollkommene Einheit der Persönlichkeit, ihre Ambivalenzen, die es nicht immer leicht machen zu erkennen, was man eigentlich will oder im letzten wirklich toll findet, und Formen der Entfremdung, die uns nicht immer ganz wohl sein lassen in unseren sozialen Rollen. Diese Spannungen gehören für die Autorin aber einfach zu einem autonomen Leben mit dazu und lassen sich nicht einfach abschalten. Zugleich verunmöglichen sie aber auch kein autonomes Leben, sondern bringen uns in Bewegung. Denn Autonomie ist nicht etwas, was uns einfach in den Schoß fällt, sondern etwas, um das wir uns bemühen müssen, was durchaus auch einmal ein bisschen anstrengend werden kann. Autonomie versteht die Autorin deswegen ausdrücklich auch als eine Tugend. Ein gelungenes Leben ist für die Autorin eines, das wir im Großem und Ganzen gemeinsam mit anderen selbst bestimmen und als sinnvoll und erfüllend erfahren und in dem wir respektvoll mit anderen umgehen. Wir brauchen für ein gelungenes Leben aber auch noch ein Quäntchen Glück, denn wenn die äußeren Umstände miserabel sind oder wir böse vom Schicksal angehaucht werden, dann führt auch ein autonomes Leben nicht zwangsläufig ins Glück. Es bleibt aber eine notwendige Voraussetzung. Ihre Beispiele für Ihre Argumentationen holt sich die Autorin aus der Welt der Literatur, woraus viel und anschaulich zitiert wird. Und wer meint, er hätte sich mit Autonomie eigentlich schon zu Genüge beschäftigt wird durch die Darstellung aktueller philosophischer Positionen überrascht. Zwischen diesen Positionen bewegt sich die Autorin und stellt begründet ihren eigenen Standpunkt fest, anspruchsvoll, aber nicht überzogen, sondern, wie ich finde, nahe an der Realität. Philosophische Vorbildung braucht es keine zum Lesen dieses verständlich geschriebenen Buches, allerdings habe ich mich an manchen Stellen ein bisschen zu bemuttert von der Autorin gefühlt, etwa wenn sie zu Anfang jeden Kapitels immer wieder schreibt, was sie im Folgenden sagen will und was sie als wichtig herausstellen wird. Andere Leser werden ihr aber gerade diese Strukturierung der Verständlichkeit wegen womöglich danken. Insgesamt hat mich das Buch positiv überrascht und ich habe es mit Gewinn gelesen.

Jürgen Czogalla, 17.06.2017.