Philosophisch-ethische Rezensionen
(Erscheinungsdatum der rezensierten Bücher: 20. und 21. Jahrhundert)

Walter Schweidler, Der gute Staat. Politische Ethik von Platon bis zur Gegenwart, Stuttgart 2004

Mit seinem Buch will Schweidler die geschichtlich gewachsenen Schichten von dem freilegen, was unser heutiges Verständnis von einem guten Staat ausmacht. Letztlich geht es darum, mittels eines philosophiegeschichtlichen Durchgangs das Verhältnis von Politik und Ethik im modernen Rechtsstaat zu reflektieren und zu rekonstruieren. Über die altgriechischen Staatsvorstellungen eines Platon’s und Aristoteles’, über Konfuzius und Augustinus, arbeitet sich der Autor zu den neuzeitlichen Denkern Hobbes, Locke, Rousseau, Kant und Hegel bis zu Marx vor, um dann bei den modernen Klassikern, der Kritischen Theorie, Habermas, Rawls, Luhmann, den Denkern des Kommunitarismus, und dort insbesondere bei Charles Taylor und Paul Ricœur, zu landen und sich in einem letzten Kapitel noch Gedanken über „die Ordnung des Dissenses“ zu machen.

Wer hier eine leicht verdauliche, knackige Einführung in die politische Ethik erwartet, der greift mit dem Kauf dieses Buches meiner Meinung nach fehl. Nicht, dass ich das Buch für schlecht halte – gerade für denjenigen, der sich schon mit politischer Ethik etwas beschäftigt hat, kann mit diesem Buch sein Wissen durchaus vertiefen und seine Einsichten erweitern – allein auf Ersteinsteiger nimmt der Autor weniger Rücksicht und tatsächlich sind die Kapitel unter dieser Hinsicht auch von der Qualität her meinem Empfinden nach zu unausgewogen. Da wird sich der unbedachte Leser mit dem Kapitel über Hegel und Teilen des Kapitels über den Kommunitarismus meiner Meinung nach z. B. besonders schwer tun, weil der Autor die wirklichen Knackpunkte nicht in der gebotenen Klarheit zur Darstellung bringt. Auch kritisiert er z. B. die Positionen von Rawls ausführlich, während andere Denker wie zum Beispiel auch Rousseau völlig ungeschröpft davonkommen. Ich hätte mir gewünscht vom Autor öfter und klarer zu erfahren, wo er die Schwachpunkte, aber auch die Stärken der unterschiedlichen Entwürfe sieht. Gefallen hat mir, dass der Autor wirklich, und das auch geglückt, die Theorien in ihrem geschichtlichen Werden verfolgt und auf einschneidende Wendungen in ihnen immer wieder hinweist. Aber wie gesagt, ganz einfach ist das Buch wirklich nicht, und einige Passagen musste ich wirklich mehrmals lesen, bis es tatsächlich „Klick“ gemacht hatte. Also ein durchaus anspruchsvoller Schreibstil, ein sehr gehaltvolles, wissenschaftliches Werk, für das man wirklich einiges an Zeit investieren muss. Und natürlich braucht man zum Lesen ein besonders ruhiges Plätzchen!

Jürgen Czogalla, 01.03.2014

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