Philosophisch-ethische Rezensionen
(Erscheinungsdatum der rezensierten Bücher: 20. und 21. Jahrhundert)

Gert Scobel, Warum wir philosophieren müssen. Die Erfahrung des Denkens, Frankfurt am Main 2012

Gert Scobel geht in seinem Buch der Frage nach, was es mit dem Denken eigentlich auf sich hat. Er bedient sich dabei sowohl neuesten physiologischen und neurowissenschaftlichen Forschungsergebnissen, wirft aber auch einen Blick in die Denktraditionen des Abendlandes und – hier liegt sein zweiter, besonderer Schwerpunkt – östlicher, besonders buddhistischer Weisheitslehren. Den Leser fordert er dabei an manchen Stellen zu Selbstexperimenten auf, so zum Beispiel, wenn er ihm Anweisungen zu besonders genussvollen und aufmerksamen Essens von Schokolade gibt und ihn auffordert zu analysieren, was er dabei genau empfindet. Und natürlich wird auch versucht die Frage zu klären, was das eigentlich ist, „Philosophie“.

Das Buch ist leider, leider eine Enttäuschung für mich gewesen, denn es hat mich über weite Strecken hin einfach gelangweilt. Das lag nun aber nicht daran, dass ich schon alles, was Scobel hier so schreibt, schon tausendmal vorher irgendwo anders gelesen hätte, sondern daran, dass dem Buch irgendwie das Herz fehlt. Der Autor verliert sich in einem Gestrüpp von Nebengeschichten und Abschweifungen und es gelingt ihm deshalb nicht, mich zum Wesentlichen des gewählten Themas zu führen. Das aber erwarte ich von einem populärwissenschaftlichen Werk. Scobel schreibt sozusagen zu sehr in die Breite und dabei geht dann eben die Tiefe verloren. Vielleicht rührt daher auch mein Gefühl beim Lesen des bloß Nachgeredeten, statt des vom Autor auch selbst Erfassten (das Buch ist geradezu gespickt mit zum Teil recht langen Zitaten – auch das erwarte ich so nicht in einem populärwissenschaftlichen Werk, sondern dass der Autor auch ein bisschen mehr Selbst formuliert und mir schwierige Gedanken in eigener Sprache vermittelt). Was ich dem Autor aber so gar nicht verzeihen kann, ist, dass er besonders im ersten Teil des Buches immer wieder und zuhauf philosophische Begriffe in altgriechischer Schrift und Sprache niederschreibt – auch wenn er sie dann übersetzt, möchte ich die Begriffe auch selbst „hören“ - was natürlich nur möglich ist, wenn man altgriechische Schrift auch entziffern kann. Was damit der Autor wohl dem Durchschnittsleser sagen möchte, der kein Altgriechisch beherrscht und sich durch solche „Leerstellen“ quälen muss? Schließlich fand ich, dass der Buddhismus zu ausführlich dargestellt wird, und zwar das immer noch so, dass ich mich recht wenig für ihn erwärmen konnte. Das wiegt um so schwerer, da mir der Grundgedanke des Autors, der immer mal wieder durch die ganzen Abschweifungen hindurchschimmert, nämlich dass wir uns darum bemühen sollten, Denken und Fühlen irgendwie in Einklang zu bringen, im Grunde sehr sympathisch ist.

Jürgen Czogalla, 02.12.2012