Philosophisch-ethische Rezensionen
(Erscheinungsdatum der rezensierten Bücher: 20. und 21. Jahrhundert)

Ludwig Siep, Konkrete Ethik. Grundlagen der Natur- und Kulturethik, Frankfurt am Main 2004

Ludwig Siep bezeichnet seinen Ethikentwurf selbst als einen holistischen, das bedeutet er strebt eine Öffnung der Ethik hin zum Ganzen der Welt an – im Gegensatz zu der nach seiner Meinung „Horizontverengung“ gerade in der Neuzeit hin zu bloßen Regeln des menschlichen Zusammenlebens und die dafür nötigen Rechte und Pflichten. Für die Notwendigkeit einer solchen Öffnung nennt er 4 Gründe:

1.Wenn Fragen der Bewertung gesellschaftlicher Optionen in Technik und Wissenschaft, Wirtschaft und Politik an die Ethik herangetragen werden, erweist sich nach seiner Meinung die neuzeitliche Ethik als unzureichend: Wir stünden nämlich an der Schwelle des Umbaus der natürlichen Welt und der menschlichen Natur und müssten, um ethisch Problemlösungen auf derartige Probleme zu entwickeln, uns wieder fragen was an der bisherigen Natur und dem menschlichen Körper wertvoll ist und was nicht.

2.Im alltäglichen Urteilen würden wir uns weithin von der Vorstellung einer guten Welt leiten lassen. Von diesem Alltagsdenken habe sich die moderne Ethik entfernt, nämlich nach dem Verlust eines einheitlichen, normativen Weltbildes und des weiten Horizontes der ethischen Tradition. Diesen Horizont gelte es aber wieder fruchtbar zu machen.

3. Fehle der modernen Ethik ein angemessenes Verhältnis zu dem von der Evolutionstheorie maßgeblich bestimmten modernen Weltbildes. Vorherrschend sei nämlich eine dualistische Trennung von Wert und moralischem Status des Menschen und dem Rest der Welt. Das passe nicht zum evolutionären Weltbild.

4. Liege eine falsche Trennung von objektiver und subjektiver Welt vor. Es werde behauptet, dass der wissenschaftlich-theoretische Bereich nichts mit ethisch-normativen Einstellungen zu tun habe: Wissenschaft als der Bereich der Tatsache, Ethik als der Bereich von Wertungen, die subjektiven Willens- und Gefühlsäußerungen entsprechen würden. Dagegen sucht der Autor Mensch und Welt in zugleich begreifender und wertender Einstellung zu fassen.

Mir ist dieser holistische Ansatz des Autors sympathisch, ein Ansatz, der davon ausgeht, dass Werten eine reale und objektive Bedeutung zukommt, die sich im Laufe der Geschichte in Kollektiven bewähren müssen, bzw. neu entdeckt werden. Auf die möglichen Gefahren seines Ansatzes, die Siep aber meint umschiffen zu können, weist der Autor selbst hin: Die mögliche Gefahr einer metaphysischen Wiederverzauberung der Welt, die Gefahr die Natürlichkeit als illusionäre Unberührtheit mißzuverstehen oder als „Harmonie“, die Gefahr des Konservatismus, die Gefahr der Holismus könnte zu einem Relativismus der Werte führen und die Gefahr der Holismus könnte eine Unterordnung des Individuums unter irgendwelche kollektiven oder kosmischen Werte bedeuten.

Die seiner Meinung nach „gute Ordnung der Welt“ besteht nun in den Werten der Mannigfaltigkeit, der Natürlichkeit, des Gedeihens und der Gerechtigkeit, Richtlinien auf die hin Siep seine ganze Ethik hinorientiert. Im 6. Kapitel seines Buches wendet Siep schließlich seine allgemeine ethische Theorie auf aktuelle, heiß diskutierte ethische Debatten heutiger Zeit an, auf Probleme der Naturethik, der Technisierung der Reproduktion (Natürlichkeit und künstliche Befruchtung, Klonen und genetische Verbesserung, Pränataldiagnostik und Schwangerschaftsabbruch, Embryonenforschung, Stammzellentherapie und therapeutisches Klonen, Transplantationsmedizin, Beendigung des Lebens) und einen leider sehr kurzen Abschnitt zum Thema soziale Gerechtigkeit und Autonomie (nur 8 Seiten). Dieses 6. Kapitel fand ich dann sogar richtig spannend, wenn ich auch nicht alle Schlussfolgerungen des Autors teile.

Jürgen Czogalla, 06.11.2009

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