Philosophisch-ethische Rezensionen
(Erscheinungsdatum der rezensierten Bücher: 20. und 21. Jahrhundert)

Mara-Daria Cojocaru: Von Borries und die Klimakapseln

(Die Autorin nimmt hier Bezug auf: Friedrich von Borries, Klimakapseln. Überlebensbedingungen in der Katastrophe, Frankfurt a. M. 2010.)

Die Autorin referiert, dass von Borries in seinem narrativ verfassten Gedankenexperiment die These aufstellt, dass, wenn wir den Klimawandel nicht abwenden können, wir uns diesem Klimawandel eben anpassen müssen. Unsere zukünftigen Städten werden „Klimakapseln“ sein, Wohlstandsinseln militärisch und atmosphärisch perfekt abgeschirmt. Diesem hypothetischen Beginn lässt von Borries dann neun Szenenbilder (aus den Blickfeldern von unterschiedlichen Akteuren in diesem Szenario geschrieben) folgen, in denen es nicht mehr um ein gelungenes Leben, sondern um das Überleben geht. Neben den privilegierten Menschen in den Kapselstädten gibt es bei von Borries dann auch Slums, die vor diesen Städten liegen, deren Bewohner wiederum die Idee einer rettenden Utopie einer „Insel der Gleichheit und Gerechtigkeit“ haben. Nach Meinung der Autorin besteht das kritische Potenzial dieser Geschichte darin, dass in unserer Zeit sozusagen schon vorbereitete technologische Handlungsoptionen zu einem Weltentwurf verdichtet, um dann der Intuition des Lesers zur Bewertung vorgelegt zu werden. Aus dem Blickfeld des Architekten der Kapselstadt erfährt der Leser, dass alle Bauten weiß sind und dem Konstruktionsprinzip des goldenen Schnitts unterliegen; Autos gibt es keine mehr; die Stadt ist autark und wir vollständig durch regenerative Energien unterhalten (Letzteres erweist sich aber später aus einer anderen Perspektive allerdings als Lüge). Platz in der Stadt hat nur derjenige, der einen gewissen Wohlstand erreicht hat, die Menschen dort sind alles in allem zufrieden, es sind strukturierende Verhaltensregeln vorgegeben, zu denen auch gehört, illegalen Einwanderern keinerlei Unterstützung zu gewähren. Es gibt auch ein hübsches Museum der Natur mit Pflanzen aus aller Welt. Andere Perspektiven sind dann noch die des Flüchtlings, des Sicherheitsbeauftragten, des Pflanzers, des Wettermachers, des Sonnenlenkers, des Terminators, des Widerstandskämpfers und des Kapitäns. Nach Meinung der Autorin kritisiert von Borries mit seiner Geschichte die derzeitige politische Praxis, die uns nicht auf die Klimakatastrophe vorbereiten würde, und zugleich wird das Herrschaftswissen der Stadt – z. B. Ökonomie, Verwaltung des Lebens, Ressourcenverwaltung – kritisch hinterfragt. Gleichzeitig konstatiert die Autorin, dass von Borries Erzählung sich durch eine völlige Verzichtbarkeit von Philosophie, praktischer und theoretischer, auszeichnet, es fänden sich, so stellt sie fest, fast gar keine genuinen philosophischen Bezüge. Auch die Frage nach dem gelungenen Leben hätte sich hier komplett erledigt.

Jürgen Czogalla

18.08.2013