Philosophisch-ethische Rezensionen
(Erscheinungsdatum der rezensierten Bücher: 20. und 21. Jahrhundert)

Dagmar Fenner's Darstellung des Neoliberalismus unter ethischen Gesichtspunkten

Fenner stellt klar, dass der Neoliberalismus im Gegensatz zum klassischen Liberalismus, der ganz auf den freien Markt vertraut um Wohlstand für alle zu erreichen, für eine moralische und rechtliche Rahmenordung zur Lenkung der egoistischen Einzelinteressen einsteht. Während im klassischen Liberalismus das Prinzip einer maximalen Freiheit gilt – wenn jeder ungehindert seinen Eigeninteressen folgen kann, dann wird alles gut -, setzt der Neoliberalismus auf eine eingeschränkte Freiheit, in der jeder nur innerhalb einer geglückten Rahmenordnung seinen Eigeninteressen nachgehen kann. Die Verantwortung für das Ergebnis des kollektiven Handelns trägt hier denn auch eben ganz diese Rahmenordung (im klassischen Liberalismus trifft dies dagegen auf die „unsichtbare Hand“ des freien Marktes zu). Moral ist hier eben keine Angelegenheit des einzelnen Wirtschaftsakteurs, denn der handelt vorgeblich immer ökonomisch rational, bzw. sollte so handeln, damit alle in Wohlstand leben können. Moralisch wünschbare Zustände werden hier durch ökonomisch wirksame Anreizsysteme der Rahmenordung gefördert. Dieses neoliberale Verständnis kritisiert Dagmar Fenner wie folgt:

- Auch angesichts hochkomplexer Wirtschaftsprozesse bleibt jeder für sein Handeln verantwortlich

- Jeder trägt zusätzlich auch Mitverantwortung für die normative Rahmenordnung

- Wer nur Anreizstrukturen folgt, mögen diese auch noch so vernünftig sein, handelt deswegen noch lange nicht moralisch richtig. Erforderlich ist nämlich noch die Einsicht in die moralische Richtigkeit dieser Anreize und der Rahmenordnung überhaupt. Moralkonformes Handeln ist nicht gleich moralisches Handeln.

- Das gemeinsame Interesse/moralische Anliegen bleibt unterbestimmt

- Weil Solidarität und Gerechtigkeit ökonomisch auf Tauschgerechtigkeit, bzw. wechselseitigem Vorteilstausch verkürzt werden, werden Bedürftige und Benachteiligte ausgeklammert und der Schutz öffentlicher Güter nicht berücksichtigt (z. B. Umwelt)

Aus all dem folgert die Autorin, dass die Institutionenethik die Akteursethik auf keinen Fall ersetzen kann. Sie gesteht ihr aber zu, dass sie eine Akteursethik zu unterstützen und zu ergänzen fähig ist.

Jürgen Czogalla

04.08.2015