Philosophisch-ethische Rezensionen
(Erscheinungsdatum der rezensierten Bücher: 20. und 21. Jahrhundert)

Wie Hans Joas sich Identitätsbildung vorstellt

Unter Identitätsbildung versteht Joas nicht eine vollständige Selbstbeherrschung, sondern die Herstellung einer offenen kommunikativen Beziehung zwischen Person und Welt. Für diese Kommunikation sind die Leistungen der schöpferischen Einbildungskraft konstitutiv. Die Erfahrung der Einheit eines sozial konstituierten Individuums in einer gemeinsamen Kultur mit anderen lässt sich nur durch die kurzzeitige Überschreitung der eigenen Ichgrenzen erreichen. Eine gemeinsame Wirklichkeit ist aber nie eine rein gemeinsame Wirklichkeit, sondern selbst wieder eine individuelle Sichtweise auf das Gemeinsame hin differenziert. Für die Identitätsbildung selbst erweist sich neben der dialogischen Komponente auch die Komponente der Grenzziehung als entscheidend. Wichtig ist es dabei über Arten der Grenzziehungen bei der Identitätsbildung (sowohl individuell als auch kollektiv) nachzudenken, in denen das Andere zwar ausgegrenzt und dabei doch gleichzeitig nicht vernichtet, sondern in seiner Andersheit toleriert werden kann. Im Gegensatz zu einer starren Identität und einem starren Konsens, ist die rechte Identität die, die sich zwar an das Eigene gebunden weiß, sich aber dennoch von dem Anderen provozieren und in Spannung versetzen lässt, was auch die Möglichkeit der Selbstveränderung eröffnet, ja geradezu die Voraussetzung für den schöpferischen Umgang mit dem Anderen und für einen Ethos der Differenz bildet.

Jürgen Czogalla

15.09.2013