Philosophisch-ethische Rezensionen
(Erscheinungsdatum der rezensierten Bücher: 20. und 21. Jahrhundert)

Gesine Schwan: Die zentrale Bedeutung von Bildung für Gerechtigkeit

In ihrem Beitrag „Dimensionen zukünftiger Gerechtigkeit“ stellt Gesine Schwan ihr Ideal von gelungener Bildungspolitik und die Bedeutung der Bildung für die Gerechtigkeit wie folgt vor:

Die wichtigsten Weichen für die Freiheitschancen jedes Menschen werden in der Bildung gestellt. Leider wird die Bildung zurzeit von einer bisher nicht gekannten Marktradikalität geprägt, die die Qualität der Bildung nur noch daran misst, wie erfolgreich sie sich am Arbeits- und Investitionsmarkt durchsetzt. Dieser Vorrang des ökonomischen Prinzips im Bereich der Bildung verbindet sich dann noch mit dem Gedanken des ungebremsten Wettbewerbs als dem Motor und dem Qualitätsmaß von Leistung. Dadurch wurde die jahrhundertelange gute Weisheit verdrängt, dass Bildung verkümmert, wenn sie instrumentalisiert wird und kostbare Erkenntnisquellen versiegen, wenn man die zweckfreie Neugier gering achtet. Vielmehr sollte es bei der Bildung nicht nur um Fach-, sondern vor allem auch um Persönlichkeitsausbildung gehen. Das bedeutet eine lebenslange Schulung, in der eine Person lernt, bzw. ihre Fähigkeit ausbaut, Verantwortung und eigenständige Urteilskraft in Auseinandersetzung mit der Welt mit Blick auf das Gemeinwesen zu entwickeln. Hier geht es dann offensichtlich nicht mehr darum, den Schwerpunkt auf die Auslese einiger Weniger zu legen, sondern es wird der Blick auf das Individuum mit dessen intellektuellen und emotionalen Fähigkeiten gelegt – als Vorbereitung für aktives, engagiertes Bürgersein. Zu solch einer Bildung gehören dann soziales und politisches Engagement, das Sammeln künstlerischer Erfahrungen, Geduld im Nachdenken, auch wenn es dabei mal keine verwertbaren Ergebnisse gibt, Umwege gehen, Scheitern zugeben und verarbeiten, was Mitvoraussetzung für Kreativität und Innovation ist. Stattdessen aber wird zurzeit ein Denken präferiert, das meint, dass sich Bildung nur noch im Wettbewerb entwickelt und mit Rankings gemessen werden muss. In Wahrheit aber zementiert Wettbewerb im Bereich der Bildung nur mehr oder weniger subtil schon vorliegende Privilegien und dient daher nicht der Chancengleichheit für alle: Die „Leistungsstarken“, also die, die durch soziale und mentale Herkunft bereits vorher die besten Voraussetzungen mitbringen, gewinnen dann auch zumeist diesen Wettbewerb. Gerecht wäre ein solcher Wettbewerb aber letztlich nur, wenn die Ausgangsbedingungen derer die am Wettbewerb teilnehmen, auch gleich wären, was natürlich nicht der Fall ist. Dieses ökonomische Wettbewerbsdenken im Bereich der Bildung schützt so indirekt die sozialen Privilegien einer Minderheit und verfestigt gesellschaftliche Hierarchien, es führt letztlich zur Spaltung unserer Gesellschaft. Dagegen wäre das Wagnis zu fördern, eigene Fähigkeiten auch dann zu fördern, wenn sie gerade nicht nachgefragt werden. Denn das Training, sich sozusagen nur borniert auf die eigenen Interessen zu konzentrieren, zieht systematisch Verantwortungslosigkeit nach sich; womöglich ungünstige Nebenfolgen eigener Handlung werden hier immer wieder zugunsten eigener Erfolge ausgeblendet. Eine solche Ehrgeizkultur entspricht auch tatsächlich nicht einer republikanischen, sondern einer höfisch-monarchischen Gesellschaft, in der man darauf trainiert wird, dass die anderen schlechter sind als man selbst, darauf, dass die anderen „verlieren“. Der Andere ist hier potenzieller Gegner und nicht mehr hilfsbereiter Bürger bei der Bewältigung einer gemeinsamen Aufgabe. Dieses elitenbezogene Prinzip muss durch ein partnerschaftliches Prinzip überwunden werden, und wenn Bildung dazu dient, dann wird sie tatsächlich zum Motor der Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft. Es geht um einen Paradigmenwechsel weg von der Wettbewerbsmanie hin zur Potenzialentfaltung für alle.

Jürgen Czogalla

15.07.2014