Philosophisch-ethische Rezensionen
(Erscheinungsdatum der rezensierten Bücher: 20. und 21. Jahrhundert)

Jos Kessels, Das poetische Argument

Die Wahrheit ermittelt man nach Kessels nicht bloß durch analytische Fähigkeiten, sondern genauso muss noch die Fähigkeit zur Zusammenschau und der Blick für das Ganze hinzukommen, die einen dann auch mitreißen können. Man muss verdichten können, um eine große Zahl von Fakten schließlich zu einem Bild und zu einer Geschichte zusammenfassen zu können. Dazu muss man auch erkennen können, was einen eigentlich selbst bewegt. Bei Sokrates liegt seiner Meinung nach jeder rationalen Analyse ein starkes Verlangen oder eine heilige Entrüstung zugrunde. Es geht also nicht nur um eine kognitive, sondern auch um eine affektive Entwicklung. Es geht darum, das was einen wirklich berührt zu kultivieren. Dabei ist die Liebe der große Schrittmacher, der Vermittler zwischen Himmel und Erde. Sie gibt uns immer wieder Lichtblicke zu dem was wir eigentlich wirklich wollen. So kann sie unser dunkles Wissen helfen wiederzuerwecken, dass tief in uns steckt, nämlich unsere irgendwie verschüttete Berufung, das, wozu wir eigentlich da sein sollten. Sie erinnert uns daran, wo wir letztlich wirklich zu Hause sind. Im sokratischen Gespräch können wir dem Transzendenten unseres Lebens auf die Spur kommen, Philosophie wird zur Pilgerfahrt nach der eigenen Bestimmung und nach dem einen oder anderen sinnvollem Ziel.

Jürgen Czogalla

19.06.2016