Philosophisch-ethische Rezensionen
(Erscheinungsdatum der rezensierten Bücher: 20. und 21. Jahrhundert)

Susan Neimans Interpretation des biblischen Buches Hiob

Im Buch Hiob nimmt Gott nach Neiman sozusagen die erklärte Position des Ist-Zustandes ein: Er benennt die Realität. Er geht auf die anklagenden Fragen Hiobs, der unschuldig schrecklich leiden muss, nicht einmal ein, er bringt nur die Fakten des Seins und der Schöpfung, ihr komplexes Ganzes mit ihrem imposanten Ordnungsgefüge vor. Die Freunde Hiobs erscheinen für die Autorin als Vertreter eines naiven Idealismus, der die unreflektierten Ansprüche der Vernunft ausspricht: Sie wollen Hiob klar machen, dass sein Leiden in irgendeiner Schuld seinen Grund hat. Sie weigern sich zu sehen, dass die Welt nun einmal nicht so konstruiert ist, dass sie unseren Moralvorstellungen entspricht, denn Hiob ist unschuldig. Dagegen verkörpert nun Hiob für die Autorin die Forderung, dass beides zusammenkommen, dass das Sein und das Sollen von uns irgendwie verbunden werden muss. Er ist wirklich unschuldig, er leidet ganz ungerechterweise. Hiob würde laut der Autorin daran erinnern, dass zwischen den Fakten und unreflektierten, leeren Idealen es auch eine moralische Ordnung in der Welt geben muss, deren Quelle die Vernunft ist. Die Wirklichkeit soll vernünftig werden. Wir werden mit einem Gerechtigkeitssinn geboren, der sich nicht von selbst erfüllt, sondern an dessen Verwirklichung es zu arbeiten gilt. Die Rede Gottes dagegen mache deutlich den Stolz des Schöpfers auf sein Werk, das vor Fülle nur so strotzt und gegenüber dem wir dankbar sein sollten, dass wir in ihr leben dürfen, so wie sie nun einmal ist. So wie sie ist gibt es in ihr allerdings nach Meinung der Autorin keine moralische Ordnung und genau das ist es was wir der Welt in Dankbarkeit zurückgeben sollten, so gut wir es eben vermögen.

Jürgen Czogalla

22.05.11