Philosophisch-ethische Rezensionen
(Erscheinungsdatum der rezensierten Bücher: 20. und 21. Jahrhundert)

Barbara Reiter: Befähigende Gerechtigkeit und dynamische Autonomie

Es geht Frau Reiter darum, im Rahmen einer Gerechtigkeitstheorie auch angemessenen Raum zu haben für Zufall und Kontingenz, um eine Gerechtigkeit mit Möglichkeitssinn (enabling justice). Unsere Reaktionsfähigkeit auf Zufälle gehört ihrer Meinung nach zu einem geglückten Leben mit dazu. Um diese Fähigkeit kompetent ausüben zu können, müssen nun, so die Autorin, einige Grundbedingungen erfüllt sein. Zu einer Gerechtigkeitskonzeption gehören also auch Verfahrensweisen, wie man allen Menschen diese Grundbedingungen ermöglichen kann. Reiter zitiert Iris Marion Young zustimmend, die fordert, dass Gerechtigkeit nicht alleine die Verteilung betreffen soll, sondern auch die notwendigen Bedingungen der Entwicklung und Ausübung individueller Fähigkeiten, von kollektiver Kommunikation und Kooperation. Reiter tritt dabei für eine Kompensation für Folgen von „Pech“ ein und weiß um deren zentrale Bedeutung für die soziale Gerechtigkeit, erkennt aber auch an, dass sie nur bis zu einem bestimmten Grade gelingen kann. Nichtsdestotrotz, selbst wenn eine Gesellschaft alles nur mögliche dafür tut eine solche Kompensation zu leisten ist es doch immer noch von entscheidender Wichtigkeit, wie die Menschen selbst, die fortlaufend mit ungleichen Ausgangsbedingungen und Umsetzbedingungen konfrontiert sind, mit dieser Situation umgehen. Allerdings sind es gerade auch diese unterschiedlichen Ausgangsbedingungen, die nach Reiter unser Leben interessant und spannend machen, eine vollkommene (unverwirklichbare) Gleichheit fände sie langweilig.

Jürgen Czogalla

01.09.2013