Philosophisch-ethische Rezensionen
(Erscheinungsdatum der rezensierten Bücher: 20. und 21. Jahrhundert)

Christiane Schlüter: Eva Illouz Untersuchungen zur romantischen Liebe

Christiane Schlüter referiert die Untersuchungen der Soziologin Eva Illouz zur romantischen Liebe ("Der Konsum der Romantik. Liebe und die kulturellen Widersprüche des Kapitalismus", Frankfurt am Main 2007) wie folgt:

Eva Illouz untersucht in ihrem Buch wie romantische Liebe heute ist, nicht wie sie sein soll. Illouz stellt fest, dass seit dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts Intimbeziehungen zunehmend nicht mehr im familiären, privaten Kreis geknüpft werden, sondern an öffentlichen Orten (z.B. Kinos, Restaurants, Tanzlokale, etc.), eine Entwicklung, die durch steigende Gehälter und sinkende Arbeitszeit befördert worden sei. Waren und Konsum wären eine Verbindung eingegangen. So entdeckte auch die Werbung die romantische Liebe und verstärkte so die Entwicklung noch. Für Frauen sei diese Entwicklung positiv gewesen: Als Erwerbstätige und Konsumentinnen können auch sie nun in Liebesdingen freier wählen als in der Vormoderne, in der überwiegend andere für sie die Entscheidungen getroffen hätten. Seit den 1990er Jahre, so Illouz, hätten sich jetzt aber die Waren geändert, die Liebe ausdrücken sollen: Es geht nunmehr weniger um den Besitz von luxeriösen Gegenständen, als vielmehr um "einzigartige" Erlebnisse mittels deren sich die Liebenden gegenseitig ihre Liebe vergewissern wollen. Nun seien Reisen und Naturerlebnisse angesagt - alles was eine Abgrenzung zur Massengesellschaft und eine Auszeit vom Alltag verspricht und zeigt: Unsere Beziehung ist einzigartig und etwas ganz besonderes. Solcherartige romatische Inszenierungen hätten mittlerweile den Charakter von Ritualen angenommen, den Alltag lebt man um sich die finanziellen Mittel für den Konsum solcher Rituale zu erarbeiten. Diese Zweiteilung Alltag - Ritual führe aber zu einer merkwürdigen Spaltung im heutigen Liebesverständnis. Denn: Wo ist die romantische Liebe wirklich, in den romantische Ereignissen oder im normalen "Tagesgeschäft"? Oft äußerten sich Paare gegenüber Illouz ironisch über romantische Ereignisse, deren Inszenierung von den Massenmedien mitgeprägt werden und die die Paare in ihrem romantischen Selbstverständnis beeinflussen; und dessen sind sich viele Paare auch bewusst. Zum Tagesgeschäft einer Beziehung würden sie dagegen oft in therapeutischer Sprache reden, von Beziehungsarbeit eben. Daraus folgert Illouz, dass in heutiger Zeit eine tiefgreifende Verunsicherung in Liebesdingen bestehen würde. Wir misstrauten sowohl der Behaglichkeit als auch der erregenden Romantik. Die Vorteile die sich daraus ergeben seien die zu konstatierende ausgeprägte Selbsterkenntnis, die gewachsene Fähigkeit autonom mit Liebesdingen umgehen zu können und das offenbare vertiefte Wissen über die Schwierigkeiten die auftreten können, wenn man einen anderen Menschen liebt und diese Liebe erhalten will.

Jürgen Czogalla

06.03.11