Philosophisch-ethische Rezensionen
(Erscheinungsdatum der rezensierten Bücher: 20. und 21. Jahrhundert)

Walter Schweidler: Charles Taylor und die positive Freiheit in der politischen Ethik

Zunächst einmal erklärt Schweidler mit Kant, was man unter positiver und negativer Freiheit zu verstehen hat: Während uns die negative Freiheit vor Einschränkungen unserer Handlungsoptionen durch andere bewahrt, werden uns unsere Optionen durch die positive Freiheit so eingeschränkt, dass wir dem Gesetz gehorchen – bei Kant dem Gesetz der Vernunft – welches uns sagt, was wir tun sollen. Dann erläutert er das Modell der Verknüpfung von negativer und positiver Freiheit bei Charles Taylor, das man auch als Kritik am Liberalismus, insbesondere an John Rawls, betrachten kann: Für Taylor bedeutet positive Freiheit nicht wie bei Kant, ein Gesetz, das durch eine überindividuelle Autorität (selbst-)bestimmt ist, sondern für ihn ist positive Freiheit die Freiheit der Selbsterfüllung oder Selbstverwirklichung, wobei diese Selbstverwirklichung etwas ist, was bei jeder Person in einer originären Form vorliegt und auch von ihr selbst unabhängig zur Entfaltung gebracht werden muss. Es geht hier bei der positiven Freiheit also nicht, wie bei Kant, um Autonomie, sondern um Authentizität. Es geht also darum, dass das Individuum die Möglichkeit hat, seinen eigenen, unverwechselbaren Lebensweg zu gehen und sein Leben mit dem eigenen Lebensentwurf zur Deckung bringen zu können. Die Kontrolle über das eigene Leben gehört also demzufolge nicht dem Kollektiv, sondern dem Individuum. Allerdings meint nun Taylor, dass man sich darüber täuschen kann, ob man sein eigenes Leben nun wirklich verwirklicht oder nicht. Durch sein näheres Umfeld oder Einsicht kann man so etwa darüber belehrt werden, wer man wirklich ist und was man wirklich will. Das bedeutet nach Taylor aber nicht, dass hier eine kollektive Autorität belehren würde, sondern der Staat legt sozusagen diese Fähigkeit der Belehrung über ein geglücktes Leben den Menschen in die Hände und entzieht sie zugleich dem Kollektiv. Er legt diese Verantwortung in die Hände einer Gemeinschaft von Menschen, zu der die Individuen gehören und durch die den Individuen vermittelt wird, wie sein je eigenes, geglücktes Leben auszusehen hat. Der eigene Lebensweg erschließt sich hier prinzipiell nur über einen gemeinschaftlichen Weg. Die Mitmenschen haben hier sozusagen die Verantwortung und die Fähigkeit, dem Einzelnen dabei zu helfen, seine je eigenen, einzigartigen Lebensoptionen zu finden. Es genügt also laut Taylor nicht, dass die staatlichen Gesetze die Zahl unserer Optionen lediglich schützen, sondern sie tragen nach Taylor auch dafür Verantwortung, dem Menschen jeweils Hinweise dafür zu geben, worin denn eigentlich seine Lebenschance besteht. Letztlich trägt nach diesem Modell die politische Ordnung nicht nur die Verantwortung für den Schutz von Lebensoptionen, sondern auch dafür die Kunst zu vermitteln, die unzähligen Optionen, die nicht wirklich zur Verwirklichung des je eigenen Lebens gehören, unbeachtet zu lassen. Schweidler weist dann allerdings darauf hin, dass jetzt aber eine Kritik, die Isaiah Berlin geäußert hat, greifen würde, nämlich wie man in solch einem Falle einem Staat entgegentreten soll, der behauptet, er verfüge über die einzig wahre Erkenntnis bezüglich der Freiheit seiner Bürger? Denn die Unterscheidung zwischen authentischem und nicht- authentischem Leben ist nach Berlin gerade das Einfallstor des Totalitarismus.

Schweidler meint aber nun, dass sich die Idee, dass sich der Mensch nur selbst verwirklichen kann, in dem er eben lernend und belehrt werdend in einer Gemeinschaft erkennt, was er eigentlich will nicht im Widerspruch zu der Forderung steht, dass der Staat die Optionen, die jedes Individuum hat, als Teil seiner äußeren Freiheit schützt, die den Spielraum für ein geglücktes Leben bilden. Was man nämlich notwendigerweise von dem Anderen lernen muss, ist das sich mit den Augen der anderen sehen zu können. Nur so begreife ich, dass die Lebensziele des je Anderen, auch wenn sie meinem nicht gleichen, auch in einem bestimmten Rahmen ihre Berechtigung und ihren eigenen, unantastbaren Wert besitzen. Aus diesem Respekt vor den Lebenszielen anderer ergeben sich dann auch Beschränkungen für das je eigene Leben. Das Lehren dieses „Mit-Anderen-Augen-Sehens“ wird aber jetzt nicht von einer Gesamtgesellschaft vermittelt, sondern von den überschaubaren, konkreten, eigenen zwischenmenschlichen Verbindungen. Indem man lernt, die Dinge auch mit den Augen anderer zu betrachten, so meint Schweidler, lernt man eigentlich erst richtig, sich selbst zu erkennen.

Jürgen Czogalla

01.03.2014