Philosophisch-ethische Rezensionen
(Erscheinungsdatum der rezensierten Bücher: 20. und 21. Jahrhundert)

Herlinde Pauer-Studer: Die Ambivalenz des Normativen. Nietzsches Immoralismus.

Für Pauer-Studer ist Nietzsche kein Immoralist, sondern ihrer Meinung nach ist seine Philosophie bestimmt von der Überzeugung eines bedeutsamen Stellenwertes der Moral. Er möchte nämlich eine Neubewertung von Werten jenseits von Ressentiment und verlogener Heuchelei initiieren. Durch seine Genealogie der Moral versuche er auf den ursprünglichen Gehalt moralischer Prinzipien hinzuweisen, sei also bestimmt von der Hoffnung den unverfälschten Wert der Moral neu zu erschließen. Nach Pauer-Studer verbleibt Nietzsches Philosophie daher im kategorialen Rahmen des Normativen, denn er meine ja, dass es möglich sei die eigentliche Aussagekraft moralischer Standards zu rekonstruieren. Dass er trotzdem häufig als Immoralist eingeordnet werde läge daran, dass seine Moralkritik zu wenig konstruktiv sei. Die genealogische Rekonstruktion und Psychologisierung überwiege. Eine Begründung moralischer Prinzipien über eine Genealogie der Moral könne aber nicht gewonnen werden. Die Frage nach der Rechtfertigung der Moral sei aber auch nicht das Hauptinteresse von Nietzsche gewesen. Die Autorin betont, dass Nietzsches Kritik an Vernunftkonstruktionen später Theoretiker der Postmoderne stark beeinflusst hätte, die versucht hätten, Vernunft und Universalität als Konstruktionen der Macht zu entlarven. Nach Pauer-Studer "... vermitteln uns Nietzsches Analysen eine Ahnung von der Komplexität des Unterfangens, die Moral aus ihren instrumentalisierenden Verstrickungen zu befreien..." (Seite 161)

Jürgen Czogalla

10.06.2010