Philosophisch-ethische Rezensionen
(Erscheinungsdatum der rezensierten Bücher: 20. und 21. Jahrhundert)

Franz de Waal: Die drei Ebenen der Moral

Die menschliche Moral kann für de Waal in drei Ebenen unterteilt werden:
    1. Moralische Gefühle
Dazu gehören Empathie, Reziprozität, Vergeltung, Konfliktösung und ein Sinn für Fairness, die allesamt auch bei anderen Primaten nachgewiesen wurden.
    2. Sozialer Druck
Währen die erste Ebene bei unseren Verwandten noch gut entwickelt ist, ergeben sich hier wichtige Unterschiede. Es geht hier um den Druck der ausgeübt wird um zu gemeinsamen Zielen beizutragen oder allgemein gültige soziale Regeln zu akzeptieren, also um so etwas wie "Gemeinschaftsinn". Zwar gibt es hier auch Ansätze bei anderen Primaten (etwa wenn eine Schimpansenfrau zwei männliche Streitaffen wieder miteinander versöhnt oder männliche Schimpansen Kämpfen von anderen durch ihr Eingreifen beenden), aber das sich der Einzelne zugunsten der Gruppe einsetzen sollte, diese Haltung geht bei uns Menschen doch weit darüber hinaus: Wir loben und wir mißbilligen auch dann noch, wenn unsere eigenen Interessen nicht im Spiel sind, wir können einen interesselosen und unparteiischen Standpunkt einnehmen, der unserer Unterscheidung von richtig und falsch zugrunde liegt. Schimpansen unterscheiden zwischen aktzeptablen und nicht akzeptablem Verhalten, wobei sie vor allem die Konsequenzen für sich selbst im Blick haben. Unser menschliches Leben aber ist von einer Fülle von moralisch-sozialen Regeln durchtränkt, für die es im Tierreich in dieser Komplexität kein Äquivalent gibt.
    3. Urteilen und abwägender Vernunftsgebrauch
Für den moralischen Vernunftgebrauch kennt de Waal keine Parallelen in der Tierwelt. Der Mensch folgt in seinem Handeln einem inneren Kompass und wir beurteilen uns selbst und andere danach. Und wir Streben danach, dass unser moralischer Kompass in sich stimmig und konsistent ist. De Waal meint, dass unser innerer Kompass durch unsere soziale Umgebung geprägt ist. Obwohl unser Kompass und unser innerer Dialog die sozialen Bedingungen, die auch für andere höhere Primaten gilt, nie ganz (zum Glück!) abschütteln kann, sind wir doch zu einer Form des Abwägens und der Selbstreflexion gelangt, die es vor dem Auftreten der menschlichen Spezies so noch nicht gegeben hat.

Jürgen Czogalla

18.11.2011