Philosophisch-ethische Rezensionen
(Erscheinungsdatum der rezensierten Bücher: 20. und 21. Jahrhundert)

Hartmut Rosa, Unverfügbarkeit, Wien-Salzburg 2018

Für Rosa ist das moderne Weltverhältnis dadurch gekennzeichnet, dass es bemüht ist, die Welt verfügbar zu machen . Dem entgegengesetzt wäre aber, dass sich Lebendigkeit, wirkliches Berührtwerden und wirkliche Erfahrung für ihn erst in der Begegnung mit dem Unverfügbaren entsteht. Für ihn ist eine vollständig geplante und verfügbar gemachte Welt tot, durch das Verfügbarmachen drängen wir zugleich das, was uns wirklich angeht, zurück. Im Verfügbarmachen der Welt begegnet uns diese nach Rosa als ein Aggressionspunkt, als etwas, was es zu erobern, zu beherrschen und zu nutzen gilt. Dadurch entzieht sich uns aber zugleich das, was die Erfahrung von Lebendigkeit und Begegnung ausmacht und das ermöglicht, was Rosa als Resonanz bezeichnet. Der Weltbezug im Aggressionsmodus verkennt, dass Subjekt und Objekt aus ihrer wechselseitigen Bezogenheit erst hervorgehen. Subjekte sind eingelassen, umhüllt und bezogen auf die Welt als Ganzes. Diese Resonanzfähigkeit geht dem Vermögen Welt auf Distanz zu bringen für Rosa unaufhebbar voraus. Wir sind auf Resonanz angewiesen und diese ist konstitutiv für unsere Psyche und Sozialität und dafür wie sich der Mensch fühlend und denkend mit der Welt austauscht. Von Resonanzerfahrung spricht Rosa, wenn der Mensch von etwas angerufen wird, das für ihn um seiner selbst Bedeutung gewinnt. Das von dem der Anruf aufscheint ist intrinsisch und nicht nur instrumentell wichtig. Auf diese Anrufung folgt eine entsprechende Antwort des Angesprochenen. Der Mensch lässt sich berühren und geht diesem Impuls entgegen. Das dritte Moment der Resonanzerfahrung ist schließlich das Moment der Anverwandlung (Transformation): Die Begegnung mit dem Anrufenden lässt nicht so zurück wie vorher, sondern setzt etwas in Bewegung. Wir verwandeln uns durch sie und erfahren so Lebendigkeit. Das vierte Moment der Resonanzerfahrung ist die Unverfügbarkeit. Sie lässt sich nicht instrumentell herstellen und verfügbar machen. Genauso wenig lässt sich allerdings die Entstehung von Resonanz unter bestimmten ungünstigen Bedingungen ausschließen. Auch das Ergebnis der Resonanzerfahrung ist nicht vorhersagbar. Es entzieht sich der Kontrolle und Planung. Dinge, über die wir vollständig verfügen, beherrschen und bestimmen, verlieren ihre Resonanzqualität.

Das wir in eine wirkliche Beziehung mit Menschen und Dingen nur dann treten können, wenn diese uns nicht bloß zu Willen sind, sondern Eigenständigkeit und die Möglichkeit uns zu überraschen und uns anzurufen beweisen und wir dann auch selbst in irgendeiner Form darauf antworten müssen, ist eigentlich eine ziemlich triviale Aussage, der von Rosa hier ein bisschen näher hin nachgegangen wird. Das kann dann auch nicht wirklich falsch werden. Gerne nehme ich für mich nochmal als Bestätigung mit, dass das nur Beherrschenwollen Beziehung zerstört. Trotzdem, und das weiß und sagt natürlich auch der Autor selbst, ist Beziehung zu einem völlig Unverfügbaren nicht möglich. Für meinen Geschmack arbeitet er aber die Möglichkeiten der Moderne für eine mögliche Resonanzerfahrung nicht gut genug heraus. Denn sie erweitert auch unser Wissen darüber, was und wie die Welt ist. Das kann sich auf die Beziehung zu dieser auch durchaus positiv auswirken, wenn man sich denn für eine liebevolle Beziehung entscheidet.

Jürgen Czogalla, 30.03.2019

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