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Philosophisch-ethische Rezensionen
(Erscheinungsdatum der rezensierten Bücher: 20. und 21. Jahrhundert)

Barbara Strohschein, Die gekränkte Gesellschaft. Das Leiden an Entwertung und das Glück durch Anerkennung. Eine philosophische Anleitung, München 2015

Ausgehend von ihrer Beobachtung, dass jedem Gewaltakt eine Entwertung vorausgeht, fühlte sich die Autorin, wie sie in ihrer Einleitung bemerkt, zum Schreiben ihres Buches angeregt. In ihrem Buch geht sie denn auch den Entwertungsphänomenen im Alltag auf den Grund, die, wie die Autorin bemerkt, oft gar nicht auf den ersten Blick sichtbar und bewusst sind und die sie als eine Art von Gewalt- und Zerstörungsakten klassifiziert: der lieblose und respektlose Umgang mit alten Menschen und Behinderten, die Funktionalisierung von Kindern zu Leistungsträgern und Konsumenten, Partnerschaften und Ehen, in denen versucht wird sich durch Entwertungen Macht über den anderen zu verschaffen und die negative Macht und Kraft von Entwertungen im wissenschaftlichen Betrieb und innerhalb der Religion. Dabei geht es der Autorin weniger um eine Philosophie im fachakademischen Sinn, als um eine Philosophie als Lebenshaltung und Lebensweisheit. So stellt sie den Phänomen der Entwertung in ihrem Buch auch lebendige Beispiele der Anerkennung und Wertschätzung gegenüber, die das Leben positiv bereichern und zu dem die Autorin ihre Leser verleiten möchte.

Eine Stärke des Buches ist es meiner Meinung nach, dass die Autorin sehr viele lebensnahe und reale Beispiele aus unserer derzeitigen Gesellschaft heraus nimmt um sich dem Entwertungsproblem anzunähern. Daraus ergeben sich für sie etwa die Fragen, wer der Gekränkte ist und warum er so entwertet worden ist, dass ein Zurückschlagen eigentlich unvermeidlich ist, was bei Entwertungsprozessen unbewusst in Opfern und Tätern abläuft, wie sich dieser Teufelskreis bewusst machen und aufbrechen lässt und welcher Ideen und Anleitungen es bedarf um diese Prozesse zu erkennen und aufzubrechen.

Eine veritable Schwäche dieses Buches stellt es aber meiner Meinung nach dagegen die theoretische Fundierung eines Verständnisses dieser Bewertungsvorgänge dar. Hier hat mich die Autorin nicht überzeugen können und darum, so interessant ihre vielen lebensnahen Beispiele auch sind, gibt sie mir nicht die wirklich überzeugenden Werkzeuge in die Hand diese in eine philosophische Gesamttheorie plausibel einzubinden und von dort heraus dann auch wirklich zu verstehen. Die Details wollen sich mir einfach nicht zu einem plausiblen Ganzen zusammenfügen. Das liegt aber meiner Meinung ganz klar daran, dass die Autorin den im Grunde ganz banalen Aspekt zu wenig bis gar nicht einbindet, dass Abwertungen – wie auch immer – tatsächlich zum Leben unbedingt dazugehören. Die Frage etwa, wann sie berechtigt sind, wird eigentlich so ziemlich vollkommen bei der Autorin ausgeblendet. Dabei wäre es doch wirklich fatal alles Mögliche immer nur mit Akzeptanz zu belohnen, auch die Autorin selbst nimmt ja in ihrem Buch ständig Abwertungen vor, von denen sie wohl ganz selbstverständlich ausgeht, dass sie berechtigt sind. Diese meiner Meinung nach mangelnde Reflexion wirkt auf mich ein bisschen oberflächlich, sodass mir das Buch schon fast mehr als eine etwas unbestimmte Gesellschaftskritik mit viel empirischem Material, denn als wirklich gewichtiges philosophisches Werk erscheint.

Insgesamt ist das Buch gut lesbar und verständlich geschrieben und es vermittelt meiner Meinung nach positive und zu begrüßende Werte.

Jürgen Czogalla, 25.09.2015

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