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Philosophisch-ethische Rezensionen
(Erscheinungsdatum der rezensierten Bücher: 20. und 21. Jahrhundert)

Lambert Wiesing, Ich für mich. Phänomenologie des Selbstbewusstseins, Berlin 2020

Lambert Wiesing hält die Versuche Selbstbewusstein als Produkt, Hervorbringung oder Ergebnis einer wie auch immer gedachten Art von vorgängiger Selbstregistrierung aufzufassen für nicht überzeugend. Als den Vater dieser Denkungsart identifiziert er Fichte, mit dessem Ansatz er sich ausführlicher beschäftigt und nachzuweisen sucht, dass er letztlich zwangsläufig in einen inakzeptablen infiniten Regress oder Zirkelschluss führt. Er glaubt nicht daran, dass es überhaupt sinnvoll ist über die Bedingungen der Möglichkeit von Selbstbewusstsein nachzudenken. Er ist der Überzeugung, dass sich die Wirklichkeit des Selbstbewusstseins prinzipiell weder erklären noch verstehen lässt. Er hält es vielmehr für ein Urphänomen, dass einfach nicht weiter hinterfragbar ist. Er will stattdessen eine Phänomenologie des Selbstbewusstseins liefern, indem er aus der Ichperspektive beschreibt, wie ihm etwas bewusst ist. Auf Grundlage dieser Erlebnisbeobachtung sucht er die Charakteristika von Selbstbewusstein herauszuarbeiten, zu ergründen wie er sich selbst aufgrund seines Selbstbewusstseins erleben muss, wie er für sich in seinem Selbstbewusstsein ist und zwar so, dass es nicht nur für ihn, sondern auch für alle anderen menschlichen Individuen mit Selbstbewusstsein gültig ist. Während seiner Meinung nach die Bedingungen der Möglichkeit des je eigenen Selbstbewusstseins nicht bewusst erlebbar sind, erlebt man dagegen sehr wohl bewusst, wie es ist, selbstbewusst zu sein. Er denkt sein Dasein als erlebte Folge der Wirklichkeit seines Selbstbewusstseins. Mit der Wirklichkeit des Selbstbewusstseins sind seiner Meinung nach Zumutungen verbunden, wie zum Beispiel der, dass es mich für mich gibt und dass mir überhaupt irgendwie zumute sein muss. Solchen Zumutungen geht er nach, die sich unvermeidbar aus der Wirklichkeit des Selbstbewusstseins ergeben, so zum Beispiel auch die Zumutung, dass ich für mich wertvoll sein muss, d.h. auch, dass ich mich um mich sorgen muss solange ich Selbstbewusstsein habe. Dabei spielt sich das In-der-Welt-sein für Ihn sozusagen notwendig irgendwo innerhalb von zwei Extremen ab, wobei die Schattierungen natürlich immer mal wieder wechseln können: Das eine Extrem ist das Malerische In-der-Welt-sein, das seiner Meinung nach etwa Heidegger einseitig verabsolutiert hat, das andere Extrem ist das Lineare In-der-Welt-sein, besonders verkörpert in der Philosophie von Descartes. Das Malerische In-der-Welt-sein zeichnet sich durch Dominanz des Leib-seins aus und ist wie das Sein einer Quelle im Ozean, es geht fließend und konturlos in das grenzenlose Sein der Welt über. Das Lineare In-der-Welt-sein zeichnet sich durch die Dominanz des Körper-seins aus. Hier ist man von der Welt auf Distanz und von ihr getrennt. Ich selbst bin für mich an einem utopischen Ort und steuere in der Welt da drüben einen Körper. Zu dem einen In-der-Welt-sein passt das Bild einer Waldhütte, zu dem anderen das Bild eines in sich abgeschotteten und abgesicherten, gekünstlichten Penthouse.

Die Haltung des Autors, dass man das Selbstbewusstsein prinzipiell weder verstehen noch erklären kann, weil es sich dabei um ein Urphänomen handelt halte ich für extrem dogmatisch. Vielleicht ist es aber auch so, dass man aus phänomenologischer Perspektive einfach hier nicht zu Potte kommen kann und das ist tatsächlich die einzige Perspektive des Buches. Brückenschläge zu anderen und insbesondere aktuellen philosophischen Denkrichtungen in diesem Bereich oder auch nur eine minimale Auseinandersetzung findet man null, das Buch ist ganz im eigenen Ansatz verkrümmt. Die Ausbeute ist denn auch meiner Meinung nach nüchtern betrachtet dürftig. Zwar gibt es beim Durchlesen durchaus interessante Passagen und die für gute phänomenologische Studien typischen Aha Erlebnisse aber insgesamt gesehen: so what? Für ganz der Phänomenologie verschriebenen Fachleuten mag das vielleicht noch am ehesten was bringen, dann können sie fleißig weiter unter sich diskutieren, aber im Grunde ist das Bild das hier vom Selbstbewusstsein gezeichnet wird meiner Meinung schon arg defizitär. Das Selbstbewusstsein vielleicht etwas ist, was nicht einfach da ist, sondern sich entwickeln muss und das für das Selbstbewusstsein vielleicht auch noch ganz wichtig die Begegnung mit dem Anderen ist und zwar nicht nur so wie ich es erlebe, sondern auch wie es auf mich hereinbricht, das kommt in dem Buch zum Beispiel gar nicht vor. Dazu wäre es tatsächlich auch mal nötig nicht nur vom eigenen Erleben auszugehen, sondern von Außen anderes zu untersuchen und es so auch entsprechend als Anderes zu würdigen. Es erübrigt sich natürlich schon fast zu erwähnen, dass das Buch völlig empiriefrei ist. Mir ist natürlich bewusst, dass die Phänomenologie eine der führenden philosophischen Richtungen des 20. Jahrhunderts gewesen ist, aber mir kommt die in diesem Buch dargestellte völlig in sich selbst verkrümmte Methode ziemlich steinzeitlich vor.

Jürgen Czogalla, 24.10.2020

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