Philosophisch-ethische Rezensionen
(Erscheinungsdatum der rezensierten Bücher: 20. und 21. Jahrhundert)

Andreas Edmüller, Die Legende von der christlichen Moral. Warum das Christentum moralisch orientierungslos ist, Marburg 2015

Die Grundthese des Autors besteht darin, dass die moralische Kompetenz des Christentums dem seiner naturwissenschaftlichen entspricht. Sie ist für ihn im Rahmen einer vernünftigen und verantwortungsvollen Diskussion schlichtweg vernachlässigbar. Seine Überzeugungen und Moralvorstellungen wurzeln für den Autor im Bereich des A- und Irrationalen und es ist daher unberechenbar. Die Überzeugung vieler, das Christentum und Moral irgendwie zusammenhängen ist nach Meinung des Autors grundfalsch, denn so etwas wie christliche Moral gibt es gar nicht, denn, so der Autor, unter Bezug auf christliche Werte und Gebote kann so ziemlich jede Handlung begründet werden, von anständig bis verabscheuungswürdig. Die Gefahr des Christentums liegt für ihn in seiner moralischen Beliebigkeit, seiner Unberechenbarkeit und seiner moralischen Verantwortungslosigkeit. Der Verfasser erstellt dann einen Minimalanforderungskatalog, den jede ernstzunehmende Moral seiner Meinung nach entsprechen muss und versucht nachzuweisen, dass das Christentum diesem Anforderungskatalog in keinster Weise gerecht wird und durch seinen moralische Belastungstest also sozusagen komplett durchfällt. Später versucht er dann nachzuweisen, dass weder die Zehn Gebote, noch das Liebesgebot, noch die Bibel als ganze für eine hinreichende Moral ausreichen: Die Bibel ist für eine hinreichende Morallehre alleine nicht geeignet. Anschließend kritisiert er noch das Naturrecht und die Autorität als Grundlage für eine Moral als ungenügend, auch die Ableitung aus dem Gewissen reicht seiner Meinung nach nicht aus, auch nicht in Kombination mit den vorher genannt Verfahren. Der Autor stellt dann nochmal eine kurze Kritik der Gottesbeweise dar, die er für überzeugend und schlagend hält und wirft die ungeklärte Frage nach dem Leid auf, wenn denn Gott allmächtig und allgut ist. Historisch gesehen besteht für ihn die größte zivilisatorische Leistung Europas in der Säkularisierung von Staat, Gesellschaft und individueller Lebensführung. Die zurzeit bei uns dominierenden Werte stammen seiner Meinung nach aus der Aufklärung und führten begrüßenswerter Weise zu einer offenen, pluralistischen und toleranten Gesellschaft. Er kritisiert in diesem Zusammenhang immer wieder, dass in Deutschland noch keine vollständige Trennung zwischen Staat und Christentum und Religion überhaupt durchgeführt wurde, für die er sich nunmehr einsetzt. Der entschlossene Kampf des Christentums gegen Aufklärung, Säkularisierung und den damit verknüpften Werten sei außerdem eindeutig dokumentiert. Eine nennenswerte Verbindung zwischen unseren Leitideen und dem Christentum gäbe es in Europa erst seit Ende des zweiten Weltkrieges.

Der Autor zeigt deutlich, dass er vom Niveau derzeitiger auf der Höhe der Zeit stehender christlicher Morallehre so gut wie keine Ahnung hat. Auch in seinem Literaturverzeichnis findet sich kein entsprechendes moraltheologisches Werk, vielmehr zimmert er sich seine Ansichten hauptsächlich aus dem aktuellen katholischen Katechismus zusammen. Schon ziemlich am Anfang seines Buches fordert er gläubige Christen auf sich vor allem mit säkularen Ansätzen in Fragen der Moral zu beschäftigen. Hätte er mal in die entsprechende Literatur geschaut, so hätte er natürlich leicht sehen können, dass er hier nicht einfach alle Christen über den gleichen Kamm scheren kann, denn auch hier gibt es eine große Bandbreite und Pluralität. Das bedeutet aber noch lange nicht Beliebigkeit, denn letztlich kommt es doch wohl immer auf die vorgebrachten Argumente an. Christliche Ethiker begründen hier durchaus nicht nur aufgrund der Bibel (dass die Bibel keine wirkliche ausgearbeitete Ethik bietet ist schon fast eine Binsenweisheit) oder dem Naturrecht, sondern begründen unter anderem auch auf deontologischen, diskursethischen, tugendethischen, gerechtigkeitsbestimmten und wertorientierten Ansätzen, die Bandbreite ist groß, aber das ist bei säkularen Denkern nicht anders. Auch dass die Moral sich in den letzten 2000 Jahren gewandelt hat und sich auch in Zukunft immer wieder wandeln muss um den Menschen in gegenwärtiger Situation auch dienen zu können, sollte uns Heutige nicht weiter überraschen. Und schließlich und endlich, denke ich, gibt es, wenn wir alle mithelfen, in Sachen der Moral auch so etwas wie einen Fortschritt, der sich einstellt, wenn wir das Gespräch mit dem Anderen suchen. Christen können immer wieder fruchtbar und gewinnbringend auch für die Gesellschaft ihre Spiritualität mit in ihr Handeln einbringen: Die Vorstellung der Geschöpflichkeit der Welt und der Gottesebenbildlichkeit des Menschen, das Geliebt- und Angenommensein des Menschen durch Gott, das sie an den Nächsten dankbar weitertragen sollen und die Überzeugung, dass Leid und Tod nicht das letzte Wort haben werden und dass sie so mit hoffnungsfroher Grundhaltung heutige Probleme anpacken können. Gerade in unserer heutigen Gesellschaft kann es ein solches Zeichen der Hoffnung sein, wenn Menschen nicht nur um ihre eigenen Interessen besorgt sind, sondern sich auch herzlich den Bedürfnissen des Nächsten annehmen und mitberücksichtigen.

Fazit: Das Buch von Andreas Edmüller befindet sich meiner Einschätzung nach weitestgehend auf populistischem Stammtischniveau. Positiv an dem Buch sehe ich, dass gerade der Christ hier viele platte Vorurteile und Einwände gegen seine Religion vorgebracht bekommt und durch eine Auseinandersetzung mit ihnen besseren Selbststand finden kann.

Jürgen Czogalla, 30.07.2016

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