Philosophisch-ethische Rezensionen
(Erscheinungsdatum der rezensierten Bücher: 20. und 21. Jahrhundert)

Thomas Metzinger: Der Ego Tunnel, Berlin 2009

Thomas Metzinger unternimmt es in seinem Buch einem breiteren Publikum die neuesten Ergebnisse der Hirnforschung nahe zu bringen: Wie die Einheit unseres Bewusstseins entsteht, warum wir gelebte Momente erfahren, warum es Dinge gibt die unsagbar bleiben, warum Bewusstsein im Laufe der Evolution entstanden ist und was die Entität ist, die das Bewusstsein hat. Das alles findet sich im ersten Teil des Buches „Das Bewusstseinsproblem“; es folgen im 2. Teil „Neue Entdeckungen und Entwicklungen“ die Themen Körperbild, außerkörperliche Erfahrung und virtuelles Selbst, Meinigkeit des Handelns und Willensfreiheit, luzide Träume und das emphatische Ego. Der abschließende 3. Teil „Die Bewusstseinsrevolution“ hat die Themen künstliche Ego-Maschinen, Bewusstseinstechnologien und das neue Bild des Menschen und eine neue Art von Ethik. Dieses abschließende Kapitel fand ich persönlich besonders interessant. Ansonsten finde ich, dass das Buch für ein populärwissenschaftliches Werk, dass es sein will, recht anspruchsvoll geschrieben ist, bin aber dem Autor für die Einsichten in den neusten Stand seines Forschungsbereiches dankbar, den ich mir im Schweiße meines Angesichts nunmehr erarbeitet habe. Seine Kernthese ist es, dass unser bewusstes Erleben ein Selbst zu sein dadurch entstehen würde, dass ein großer Teil des Selbstmodells transparent sei. Der Autor spricht von einem Ego-Tunnel, der keinen direkten Kontakt zur äußeren Wirklichkeit ermöglichen würde. Unsere „Wirklichkeit“ ist eine Simulation des Gehirns, die sich um unsere Erste-Person-Perspektive aufbauen würde. Wir sind aber zugleich unfähig unsere Selbstmodelle auch als solche zu erleben, daher seien die neueren Forschungsergebnisse kontraintuitiv. Der Autor spricht in diesem Zusammenhang auch von einer naturalistischen Wende unseres Menschenbildes, von der er annimmt, dass sie eine Art von ethischem Vakuum erzeugen könnte, denn für ihn wird dadurch z.B. das traditionell jüdisch-christliche Modell des Menschen überholt, dass über viele Jahrhunderte einen minimalen moralischen Konsens sichergestellt habe. Führende Forscher, wie zum Beispiel er selber, hätten daher die Aufgabe in dieser frühen Phase der Bewusstseinsrevolution zu führen und sich mit der durch ihre Forschungen erzeugten normativen und anthropologischen Leere auseinanderzusetzen. Ich persönlich denke aber nicht, dass die Religionen durch die neueren Forschungen sich in den westlichen Gesellschaften erledigen werden, da im Grunde der Kern des Glaubens nicht betroffen ist, wenn es die Theologen nur unternehmen, die neuere Forschung entsprechend im Lichte ihres Glaubens auszulegen. Aber vielleicht könnte mir Herr Metzinger jetzt den Vorwurf machen, dass ich sein Buch und die Konsequenzen, die sich daraus ergeben gar nicht richtig verstehe.

Jürgen Czogalla, 04.01.2010

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