Philosophisch-ethische Rezensionen
(Erscheinungsdatum der rezensierten Bücher: 20. und 21. Jahrhundert)

Roger Scruton, Grüne Philosophie. Ein konservativer Denkansatz, München 2013

Roger Scruton ist ein britischer Philosoph der Gegenwart und tatsächlich befasst er sich auch wirklich in seinem Buch mit unserer aktuellen ökologischen Lage, wenn er auch immer Mal wieder auf geschichtliche Vorgänge der Vergangenheit zurückgreift, um seinen eigenen Standpunkt zu bestätigen. Dabei geht er häufig auf die gegenwärtige britische und US-Amerikanische Situation ein, hier liegt ein Schwerpunkt des Buches, hier kennt sich der Autor offensichtlich am besten aus. Aber natürlich behandelt er auch globale Umweltprobleme, und von Kanzlerin Merkel etwa weiß er z. B. zu sagen, sie hätte panikartig auf die Vorgänge in Fukushima reagiert, als sie den Ausstieg aus der Atomenergie für Deutschland beschloss, denn in Deutschland gebe es ja keine Tsunamis oder starke Erdbeben wie in Japan, und schließlich würde ja durch die Kernenergie der Gesamt-CO2-Ausstoß minimiert. Ich muss zugeben, als ich auf diese Passage des Buches gestoßen bin – ich denke nämlich in dieser Hinsicht tatsächlich grün – ich mich doch etwas dazu zwingen musste überhaupt noch dieses Buch weiterzulesen, denn einen so unausgewogenen Standpunkt hier zu finden (er erwähnt so z. B. im ganzen Buch überhaupt nicht die Probleme, die durch den Atommüll entstehen), wirkt auf mich doch schon recht diskreditierend. Aber der Grundansatz des Autors beim Umweltschutz auf die Oikophilie (griechisch, bedeutet 'Liebe zum Heim'), wie er es bezeichnet, zu bauen und diese zu stärken, sodass sich dann jeweils zivilgesellschaftlich „kleine Haufen“ für ihre geliebte Heimat einsetzen, ist trotzdem, wie ich meine, bedenkenswert. Was meint der Autor nun mit Oikophilie? Er beruft sich hier auf die 3 Pfeiler konservativen Lebens, die sein offensichtlicher irisch-britischer Lieblingsaufklärer Edmund Burke, gestorben 1729, aufgestellt hat: Achtung vor den Toten, Geneigtheit zu dem kleinen Haufen, der uns umgibt, und die Stimme der Tradition. Liebevolle Gefühle für unsere Vorfahren würden seiner Meinung nach auch bei uns Raum schaffen für unsere Nachfahren, deren Zuneigung wir verdienen möchten. Das ist nützlich dabei, so der Autor, für eine Umweltethik, die anerkennen sollte, dass unsere Zukunft nicht nur mittels fiktiver Kosten-Nutzen-Rechnungen geplant werden sollte, sondern dass wir uns alle als Verwalter ererbten Nutzens sehen sollten, den wir weitergeben wollen. Die Fürsorge für die nachfolgende Generation erscheint so als unspezifische Nebenwirkung von Dankbarkeit, die sich eben nicht berechnen lässt. Dabei stellt er immer wieder wie ein Mantra heraus, dass Zuneigung und Loyalität sich im kleinen Haufen ausbildet, durch Begegnungen in Familie, Vereinen, bei der Arbeit, etc.. Daraus würden sich Rechenschaftspflichten ergeben, die durch eine zu zentralistische Gesellschaftsordnung zerstört würden. Eine Regierung von oben bringt für den Autoren verantwortungslose Individuen hervor (in diesem Zusammenhang kritisiert er denn auch immer wieder den bürokratischen Moloch der EU, während er etwa die Briten und die USA – letztere witzigerweise ja einer der allergrößten Umweltsünder überhaupt, regelmäßig lobt). Einen Hauptgrund für die derzeitige Umweltzerstörung sieht er denn auch im Nachlassen des freiwilligen bürgerlichen Engagements. Dagegen wird nach Meinung des Autors unter Einfluss entpersönlichender Menschenbilder die Fähigkeit der Menschen aufgerieben, sich der natürlichen Welt zuzuwenden. Wir sollten das instrumentelle Denken hinter uns lassen und wieder intrinsische Werte in den Mittelpunkt unseres Lebens stellen. Die radikale Umweltbewegung dagegen definiere sich durch eine globale Agenda und internationalistischer Initiativen, und dabei würden regelmäßig auf örtliche Gegebenheiten nicht eingegangen, was zu unerwünschten Nebenwirkungen führt: Das Gefühl der treuhänderischen Verantwortung wird im lokalen Bereich zerstört, eben wegen Vernachlässigung der Heimatlichkeit in Umweltfragen. Dagegen sei Heimat ein Ort, für den man als Umwelt Sorge trägt, weil er reale Zuflucht bietet und intrinsischen Wert besitzt. Nationalität ist darum auch für den Autoren die einzige Form der Zugehörigkeit, die sich als tragfähig erwiesen hat, demokratische Prozesse und liberale Rechtstaatlichkeit zu tragen, und sie ist definiert als Heimatland. Die Umwelt wird nach Meinung des Autors dort am meisten geschützt, wo eine so vorgestellte Oikophilie besonders stark ist, in den skandinavischen Ländern, der Schweiz und den englischsprachigen Ländern, während sich die größten Umweltschäden regelmäßig dort einstellen würden, wo diese Oikophilie bewusst zerstört werden würde. Das Beste, was uns nach Meinung Scruton's passieren kann, sind nicht große, global agierende, ideologisierte grüne Organisationen wie z. B. Greenpace, sondern ganz normale Leute, die aus Liebe zur Heimat Umweltprobleme lokal analysieren und dann hausgemachte Lösungen dafür suchen.

Ich persönlich bin der Meinung, dass es tatsächlich für ein tragfähiges Umweltbewusstsein förderlich ist, wenn man für seine Umgebung samt umgebender Natur wenigstens ein bisschen ein Heimatgefühl entwickelt. In dieser Hinsicht hat mich der Autor wirklich überzeugt. Dagegen bin ich aber auch der Meinung, dass der Autor andere mögliche Motivationsquellen für umweltgerechtes Handeln ausklammert, verschüttet und verteufelt. Vielmehr als um eine schwarz-weiße Abgrenzung von lokal und global, sollte es meiner Meinung darum gehen, dass beide Seiten voneinander lernen, aufeinander zugehen und bereit zu Kompromissen sind, also ein Mit- statt ein Gegeneinander. Ich denke, beide Seiten können sich gegenseitig letztlich sogar stärken. Gut gefallen hat mir, dass Scruton in einem Anhang seines Buches konkrete Vorschläge gemacht hat, wie wir, jeder Einzelne, heimatlieb, bzw. umweltgerecht leben können. Und seine dort gemachten Vorschläge finde ich durchaus interessant und bedenkenswert.

Jürgen Czogalla, 15.12.2013

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