Philosophisch-ethische Rezensionen
(Erscheinungsdatum der rezensierten Bücher: 20. und 21. Jahrhundert)

Jörg Friedrich: Die Möglichkeit der Gesellschaftswirksamkeit der Online-Community

Friedrich sieht die Gefahr, dass sich die Online-Aktivisten hoffnungslos überschätzen, weil man sich im Online-Raum nur mit Sympathisanten umgeben und sich von anderen Strömungen abschotten kann. Die eigentliche Kraft der eigenen Bewegung erweise sich aber nicht in der Begegnung mit Gleichgesinnten, sondern in der Konfrontation mit den Anderen, die noch außerhalb stehen. Ohne diese Auseinandersetzung sei aber eine gesellschaftliche Änderung ausgeschlossen. Die 2. Gefahr, die der Autor sieht, ist die Gefahr der Richtungslosigkeit des Netzes, die besagt, dass anstelle dass man seine Kräfte auf das Ziel konzentriert, der Impuls sich in alle erdenkliche Richtungen verflüchtigt und so verpufft, denn jeder Teilnehmer kann ja beliebige Knoten und Verbindungen schlagen und ist autonom. Beide Gefahren sind komplementär, so dass man eine verringern kann, indem man die andere stärkt. So könnte man z.B. in die Falle laufen, dass man der Richtungslosigkeit durch totale Abschottung Herr zu werden versucht, oder meint einer Abschottung begegnen zu können, indem man in alle Richtungen vernetzt und so die eigentliche Zielrichtung aus den Augen verliert. Den Ausweg sieht der Autor darin, eine gewisse Abschottung zuzulassen um eine ungestörte Willensbildung und –bündelung durch Kommunikation relativ störungsfrei zu ermöglichen. Die Konfrontation mit den außerhalb des eigenen Netzwerkes stehenden sei dann aber in der Öffentlichkeit, auf der Straße, in der leiblichen Welt zu suchen. Eine politische Organisation der Webgemeinde müsse sich zuerst die Frage nach zentralen, gemeinsamen Zielen stellen, auf die sich ihre Mitglieder einigen können; das werden nach Ansicht des Autors die Grundlagen der Möglichkeiten einer Webgemeinschaft überhaupt sein. Daraus müsse man dann konsensfähige Ziele für die einzelnen Politikfelder ableiten. Die vernetzte Vernunft ist nach Meinung des Autors frei, überall hin aufzubrechen, wohin sie will, und sie könne diesen Aufbruch auch bewältigen.

Jürgen Czogalla

02.09.2012