Philosophisch-ethische Rezensionen
(Erscheinungsdatum der rezensierten Bücher: 20. und 21. Jahrhundert)

Was Arne Næss unter "Tiefenökologie" und "Ökosophie" versteht

Für Næss erklärt sich die Tiefenökologie in folgenden Richtlinien:
  • Menschliches und nicht-menschliches Leben und dessen Entfaltung ist ein Wert an sich, ganz gleich welche Vorteile sich jeweils für den Menschen daraus ergeben oder auch nicht

  • Die Vielfalt der Lebensformen ist ein Wert an sich

  • Der Mensch darf diese Vielfalt nicht zerstören, es sei denn, es liegen elementare Bedürfnisse oder existentielle Notlagen vor

  • Darum sind die heutigentags getätigten Eingriffe des Menschen in die Natur bei Weitem überzogen und ursächlich für die Zerstörung des globalen Ökosystems

  • Ein Bevölkerungsrückgang ist geboten, damit sich auch andere Lebensformen angemessen entfalten können

  • Um der bedrohlichen Situation zu begegnen, braucht es eine neue Politik, die sich gegen den konsum- und profitorientierten Raubbau an der Natur wendet

  • Lebensqualität gilt mehr als hoher Lebensstandard

  • Wer diese sieben Forderungen anerkennt, geht die Verpflichtung ein, sich persönlich für die dafür notwendigen Veränderungen einzusetzen

Im Gegensatz zu einer bloß „flachen“ ökologischen Bewegung, deren zentrales Anliegen es letztlich sei, die Gesundheit und den Wohlstand des Menschen in hoch entwickelten Gesellschaften zu befördern – dem „Mensch-in-Umwelt-Konzept“, geht es der Tiefenökologie darum, dieses Konzept durch die Vorstellung eines „Beziehungsfeldes“ zu ersetzen, d. h. Organismen erscheinen als Knotenpunkte intrinsischer Beziehungen. Darum wird auch ein, mit gewissen Einschränkungen, „biosphärischer Egalitarismus“ befürwortet. Allen Lebensformen soll mit Achtung und Ehrfurcht begegnet werden. Alle Lebensformen haben das gleiche Recht auf der Welt zu sein und sich zu entfalten. Aus der engen Verbundenheit mit anderen Lebewesen folgt die Erfahrung des Glücks und der Freude für den Menschen. Wenn der Mensch sich aus diesem Beziehungsgeflecht versucht zu lösen und sich zum Herrn der Schöpfung machen will, folgt eine Entfremdung gegenüber sich selbst und der umgebenden Natur.

„Ökosophie“, so erklärt Næss, setzt sich aus „Öko-“ und „-sophie“ zusammen, wobei „-sophie“ sich von altgriechisch „sophia“ herleitet, was „Weisheit“ bedeutet. Damit sei ausgesagt, dass hier kein Anspruch erhoben wird, wissenschaftlich zwingende Beweise zu liefern, wohl aber, dass es sich um Erkenntnisse handelt, die handlungsleitend sind. „Sophia“ steht für die Vertrautheit mit den Dingen, nicht für eine unpersönliche, abstrakte Art von Wissen. „Öko-“ wiederum kommt von altgriechisch „oikos“, was eigentlich Haushalt oder die engere Gemeinschaft bedeutet, hier in „Ökosophie“ aber den Haushalt des ganzen Planeten Erde meint. „Ökosophie“ meint demnach eine philosophische Grundhaltung, die sich mit tiefenökologischen Prinzipien beschäftigt. Es geht um ein in sich stimmiges philosophisches Weltbild, das aus der Auseinandersetzung mit den Lebensbedingungen der Ökosphäre erwächst.

Jürgen Czogalla

01.07.2013