Philosophisch-ethische Rezensionen
(Erscheinungsdatum der rezensierten Bücher: 20. und 21. Jahrhundert)

Christoph Türcke, Mehr! Philosophie des Geldes, München 2015

Im Gegensatz zu anderen Autoren, die sich über das Geld Gedanken machen, Türcke nennt einige Prominente Vertreter von Sophokles bis zu dem noch ziemlich aktuellen Buch von David Graeber „Schulden. Die ersten 5000 Jahre, Stuttgart 2012“, aber auch die großen Klassiker wie Aristoteles, Marx und Weber werden angesprochen und ihre Verdienste und Unzulänglichkeiten dargestellt, möchte Türcke dem Wesen des Geldes auf die Spur kommen in dem er wirklich an die nur noch schattenhaft erahnbaren Ursprünge des Geldwesens nachspürt, die lange vor der Existenz von Geld in Silbergestalt liegen. Unsere heutige kapitalistische Lebensweise und der neuzeitliche Geldumlauf erweist sich daran nur als ein winziger Abschnitt einer ganz langen Geschichte, wird aber im Buch auch ziemlich ausführlich abgehandelt: Der Inhalt erzählt im Grunde die Geschichte des Geldes von der dunklen Vorzeit bis zum Jetzt mit Ausblicken in die Zukunft, gefragt wird, wo das Geld letztlich herkommt und ob es sich abschaffen lässt und was es mit dem Menschen macht, wie es seine Lebensweise verändert hat und schließlich heute die ganze Gesellschaft tief durchtränkt, beeinflusst und auch mit formt. Als Urzahlung, als Urgeld schlechthin, von dem alle späteren Geldformen abstammen, macht der Autor in seinem Buch das Menschenopfer aus als ein Tun, das man glaubte, dass es von einer höheren Macht gefordert werde, als eine Schuld, die zu begleichen sei. Die Begleichung von Schuld aber bedeutet für den Autoren Zahlung. Für ihn beginnt die Moral geradezu als Zahlungsmoral, Schuld als Opferschuld und das Schuldgefühl als das schlechte Gewissen dafür, dass man im Zahlungsverzug ist. Später wurde dann nach Meinung des Autoren das Menschenopfer durch das Rindsopfer, dann durch das Opfer anderer Tiere, schließlich durch Edelmetallgaben (gegossen in figürliche Darstellungen) und zuletzt durch Geld ersetzt. Durch Tempelschatzbildung und die Gier der Priester ist dann schließlich die „Plusmacherei“ erst langsam und dann immer stetiger aufgekommen. Das Priesterhonorar war nach dieser Darstellung der erste nachweisbare Arbeitslohn, der Tempel war auch der erste Zinsempfänger überhaupt. Mit dem Tempelschatz gibt es sozusagen schon Geld, Eigentum, Lohn, Zins, Bank und Kapital. Die Weltkarriere der Münze beginnt dann in der griechischen Polis, ein wahrer Geniestreich, wie Türcke vermerkt. Er erzählt dann die Geschichte weiter und davon, wie nach einer langen Zeit des Geldrückgangs und der Stagnation im Hochmittelalter dann der endgültige Siegeszug des Geldes einsetzt, wie das Münzgeld schließlich durch Papiergeld ersetzt wird und wir heute dann beim elektronischen Geldverkehr angekommen sind. Dargestellt wird aber natürlich auch z. B. die Entstehung der Börsen, des Wechsels, von Aktien und den Zentralbanken, um nur einiges zu nennen.

Türckes Buch wagt sich wirklich an den dunklen Ursprung der Geldenstehung und der ist nun wirklich grausig, nämlich das Menschenopfer. Andere Theorien lehnt er als zu oberflächlich und falsch ab, dazu gehört etwa auch die Tauschtheorie von Aristoteles. Die Indizien, die er für seine Entstehungstheorie bietet sind aber, wie der Autor auch ein bisschen selbst eingestehen muss, doch ziemlich dünn. Mir selbst erscheint die Entstehung des Geldes allein aus dem sakralen Bereich ohne irgendwelches weltliches Tausch-Pendant nicht wirklich plausibel und als zu einseitig. Und dass das Menschenopfer nun allgemein unter den frühen Menschen verbreitet gewesen sein soll ist doch wohl auch eher sehr fraglich. Dass Türcke aber überhaupt auf die Verbindungen der Geldentstehung mit dem sakralen Bereich hinweist, die sicher auch tatsächlich bestanden haben, ist sicher ein großer Verdienst von ihm. Diese Verbindungslinien zieht er durch sein ganzes Buch und noch die Führungskräfte der modernen Zentralbanken bezeichnet er als eine Art von heiliger Priesterschaft und die von ihr in Umlauf gesetzte Geldmenge als creatio ex nihilo. Sein Buch strotzt geradezu von interessanten Einsichten und erhellenden Geldgeschichten, dass es mir schon eine Freude war, mich hier durchzuarbeiten. Das Buch hat sich also meine Leseempfehlung wirklich verdient.

Jürgen Czogalla, 25.07.2015

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