Philosophisch-ethische Rezensionen
(Erscheinungsdatum der rezensierten Bücher: 20. und 21. Jahrhundert)

Ernst Tugendhat, Probleme der Ethik, Stuttgart 1984

Neben einem Vorwort von Tugendhat selbst enthält das Buch noch vier weitere Beiträge vom Autor, nämlich „Bemerkungen zu einigen methodischen Aspekten von Rawl's 'Eine Theorie der Gerechtigkeit'“ von 1976, „Antike und moderne Ethik“ von 1980, „Drei Vorlesungen über Probleme der Ethik“ von 1981 (Themen: „Der semantische Zugang zur Moral“, „Kann man aus der Erfahrung moralisch lernen?“, „Moral und Kommunikation“) und die „Retraktationen“ (bedeutet soviel wie „Rückzieher“, in diesem Falle die Korrektur vorheriger Ansichten) von 1983 (Themen: „Auseinandersetzung mit Ursula Wolf“, „Konsequenzen für den Begriff der Moral“, „Die Moral des wechselseitigen Respekts“, „Erneute Retraktation“; „Ausblick auf eine Moral der Ernsthaftigkeit“).

Das Buch stellt den Versuch dar, ein Verständnis dafür zu erlangen, was moralische Aussagen eigentlich ausmacht. Es geht also um Grundfragen der Ethik, wie z. B., und im Vorwort dieses Buches auch benannt, was bedeutet es eigentlich, wenn wir sagen eine Handlung sei schlecht, oder wenn wir fordern, wir sollten, müssten und dürften nicht so handeln und wie lassen sich solche moralischen Forderungen überhaupt begründen. Das wirklich Außergewöhnliche an diesem Buch ist, das Ernst Tugendhat den Leser sozusagen einlädt seinen Denkweg mit ihm ungeschönt noch einmal zu gehen, mit all seinen Wirrungen und Defiziten. Denn die einzelnen Beiträge machen den höchst anspruchsvollen Denkprozess des Autors deutlich und so distanziert er sich tatsächlich z. B. in seinen Retraktationen dann später wieder eindeutig von in vorherigen Beiträgen vorgestellten Ansichten und versucht, die von ihm vermeinten festgestellten Defizite seiner bisherigen Theorie zu beheben. In seinem Vorwort stellt der Autor dann auch klar, dass er etwa die drei Vorlesungen hier nur veröffentlicht hat, weil sie zugleich mit den für ihn so wichtigen Retraktationen erschienen sind. Das Ganze ist denn auch sehr interessant zu verfolgen und argumentiert wird auf hohem Niveau, womöglich zu hoch für einen Ersteinstieg in die Grundfragen der Ethik. Das gilt insbesondere für die ersten beiden Beiträge dieses Buches, die ich als ein bisschen zu fachspezifisch empfand, dagegen finde ich, dass die drei Vorlesungen und dann natürlich darauf aufbauend die Retraktationen für etwa einen Einstieg in das Thema Ethik schon besser geeignet sind. Im Zentrum der Moralbegründung, die der Autor schließlich zuletzt gibt, als eine Art Umriss, auf dem er weiter aufbauen will (Stand 1983!), steht dann die Schätzung der Person als solcher und das wechselseitige Selbstverständnis der Personen, wobei dieses Selbstverständnis aber keine höhere Wahrheit mehr sein soll, sondern ein empirisches Faktum.

Fazit: Spannend und lesenswert, die ersten beiden Beiträge finde ich aber nicht so gelungen wie die folgenden.

Jürgen Czogalla, 01.02.2014

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