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Philosophisch-ethische Rezensionen
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Jane Bennett, Lebhafte Materie. Eine politische Ökologie der Dinge, Berlin 2024Am Ende Ihres Buches legt Bennett ihr Glaubensbekenntnis ab, dass sie selbst
eingestandermaßen in ihrem Buch nicht wirklich befriedigend rational eingeholt hat: Sie glaubt an eine Materie/Energie,
Schöpferin von Sichtbarem und Unsichtbaren. Daran dass das Pluriversum von Heterogenitäten durchzogen ist, die beständig
aktiv sind. Sie glaubt daran, dass es falsch ist, nichtmenschlichen Körpern, Kräften und Formen Vitalität abzusprechen
und dass eine bedacht eingesetzte Anthropomorphisierung dabei helfen kann, diese Vitalität, die sich einer restlosen Übertragung
widersetzt und sich einem umfassenden Zugriff entzieht, aufzuzeigen. Und sie glaubt, dass das sich Einlassen auf eine
lebhafte Materie dazu befähigt, die gemeinsame Materialität des Seienden zu erfahren, eine umfassendere Verteilung der
Handlungsmacht aufzuzeigen und so unsere Interessen und unser Selbst umzugestalten, auch weg von einem Denken von
menschlicher Vorherrschaft. Sie meint, dass das Aufteilen in stumpfe Materie und dynamisches Leben dazu einlädt, die Vitalität der Materie und der lebhaften Formationen materieller Kräfte zu ignorieren. Dadurch möchte sie auch einen klügeren und nachhaltigeren Umgang mit lebhafter Materie und lebendigen Dingen befördern. Sie weist die Materie als lebhaft aus, die neben und in den Menschen wirkt und möchte zeigen, wie sich politische Ereignisse ändern können, wenn wir die Kraft der Dinge angemessen würdigen würden. So stellt sie sich unter anderem etwa die Frage, wie sich unsere Verhaltensweisen als Konsumenten ändern würden, wenn wir nicht in den Kategorien Müll, Unrat und Recycling denken würden, sondern einer wachsenden Ansammlung lebhafter und potenziell gefährlicher Materie gegenwärtig wären. Oder wie es sich auf unsere Energiepolitik auswirken würde, wenn Elektrizität nicht einfach Ressource, Ware und Mittel zum Zweck, sondern in Wirklichkeit, und auf radikale Weise, ein Aktant, also eine wirkmächtige Handlungsquelle ist. Sie fokusiert in ihrem Buch also auf die materielle Handlungsmacht oder Wirkmächtigkeit nichtmenschlicher und nicht ganz menschlicher Dinge. Sie vermutet dabei, dass das Bild einer toten und durch und durch instrumentalisierten Materie unsere menschliche Hybris nährt und die Erde zerstörenden Konsum- und Eroberungsfantasien befeuert. Für sie verlangen die materiellen Kräfte, die uns unterstützen, lähmen, zerstören, adeln oder herabsetzen können unsere Aufmerksamkeit, ja sogar unsere Achtung (aber in einer Bedeutung, die den kantschen Begriff erweitert). Sie legt in ihrem Buch Zeugnis ab über diese vitalen Materialitäten, die durch uns hindurch und um uns herum fließen. Mit ihrem Buch will sie bei ihrem Leser einen Sinneswandel erreichen. Wir sollen uns als mehr eingebettet in diese Welt erkennen, verbunden nicht nur mit dem Lebendigem um uns herum, sondern auch mit einer ihrer Meinung nach vitalen, immer wieder auch überraschend wirkenden und uns immer wieder beeinflussenden Materie, die aber von uns viel zu wenig in ihrer typischen, ganz eigenen Wirksamkeit beachtet wird, die von rein instrumentellem Denken nicht hinreichend erfasst wird. Das führt dann weg von einer vertikalen Betrachtung hin zu einem mehr horizontalem Denken, bei dem sich alles auf einer Ebene abspielt und der Mensch nicht mehr als Krone der Schöpfung gilt, sondern ganz umfangen von eigensinnigen materiellen Kräften, die zusammenwirken, in dem alles aber irgendwie sein eigenes, mit anderem interagierendes, unbedachtes Ding macht, und eine reichhaltige, lebenswerte Welt ergibt, die aber nicht ungefährlich ist. Dabei arbeitet sie auch heraus, in wie fern ihr Denken über das des geläufigen Umweltschutzes und ökologischen Denkens hinausgeht. Ein interessantes, aber auch nicht ganz einfaches Buch mit einem wichtigen Anliegen, allerdings ein Denken, dass mir in dieser Ausführung zu radikal ist. Jürgen Czogalla, 11.01.2026 ![]()
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