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Philosophisch-ethische Rezensionen
(Erscheinungsdatum der rezensierten Bücher: 20. und 21. Jahrhundert)

Jane Bennett, Umweltschutz und vitaler Materialismus

Laut Bennett fällt es der am Umweltschutz orientierten Öffentlichkeit schwer, Tiere, Pflanzen und Mineralien als genuine Mitglieder anzuerkennen, weil Nichtmenschliches hier als passive Umwelt verstanden wird, vielleicht auch als dem menschlichen Handeln irgendwie widerständig. Eine materialistisch orientierte Öffentlichkeit müsste dagegen diese als weitere Aktanten akzeptieren. Während Umweltschützer Subjekte sind, so Bennett, die auf der Erde leben, sind vitale Materialisten Subjekte, die als Erde leben und somit aufmerksamer für die Möglichkeiten und Grenzen von Materialien aus denen sie auch selber bestehen. Beim Umweltschutz geht es um Schutz und vorausschauende Verwaltung des Ökosystems, beim vitalen Materialismus geht es darum, sich mit einer energetisch sich entfaltenden Materialität auseinanderzusetzen, die wir zum einen selbst sind und mit der wir andererseits innerhalb handlungsmächtiger Gefüge wetteifern. Hier kommen zusätzliche Diskurse ins Spiel, wie z.B. wie können Menschen eine stärkere Aufmerksamkeit für die öffentlichen Aktivitäten, Affekte und Effekte von Nichtmenschen entwickeln? Welchen Gefahren wir uns aussetzen, wenn wir weiterhin die Macht der Dinge übersehen und welche Affinitäten zwischen uns und den Dingen offenbar werden, wenn wir sowohl uns als auch die Dinge als lebhafte Materie auffassen? Als Vorteil des vitalen Materialismus fasst sie auf, dass Umwelt nicht bloß als Substrat menschlicher Kultur definiert wird, sondern der Begriff der Materialität beides Menschliches und Nichtmenschliches gleichermaßen einschließt. So wird die Aufmerksamkeit weg von ontologischen Hierarchien seitwärts zu den komplexen Verstrickungen von Menschlichem und Nichtmenschlichen hingewendet. Außerdem wird die Materie als lebendig, energetisch, vibrierend und vital aufgefasst. Damit stört der vitale Materialismus sowohl ein Denken von teleologischer Organisation, als auch vom Bild der Natur als Maschine. Und schließlich wird laut Bennett der vitale Materialismus dem fremden Charakter unserer eigenen Leiblichkeit besser gerecht. Er erinnert den Menschen an die Verwandtschaft von Menschlichem und Nichtmenschlichen. Mein Fleisch ist von verschiedenen Schwärmen bevölkert und durch sie konstituiert. Es genügt dabei nicht zu sagen wir seien verkörpert, sondern wir sind eine Anordnung von Körpern. Bennett meint, dass wenn wir aufmerksamer für die unverzichtbare Fremdheit wären, würden wir dann weiterhin auch nicht mehr auf leichtsinnige und zerstörerische Art produzieren und konsumieren.

Jürgen Czogalla

11.01.2026