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Philosophisch-ethische Rezensionen
(Erscheinungsdatum der rezensierten Bücher: 20. und 21. Jahrhundert)

Judith Butler, Die Macht der Gewaltlosigkeit. Über das Ethische im Politischen, Berlin 2020

Wenn Judith Butler von Gewalt spricht, steht ihr nicht nur das Bild des physischen Schlages in einer hitzigen Auseinandersetzung vor Augen, sondern auch und vor allem soziale Strukturen und Systeme unter anderem der systemische Rassismus, die ebenfalls von gewaltsamer Natur sein können. Sie kritisiert dabei, dass immer wieder Staaten oder Institutionen gewaltlose Praktiken als gewaltsam darstellen. Sie nennt es einen missbräuchlichen Gebrauch der Macht von Sprache, wenn etwa Demonstranten, die für Meinungsfreiheit auf die Straße gehen als gewalttätig bezeichnet werden um durch Verunglimpfung der Gegner das eigene Gewaltmonopol abzusichern und die so den Einsatz von Polizei und Armee gegen jene, die ihre Freiheit ausüben und verteidigen, rechtfertigen. Hat die entsprechende Person überhaupt nichts sichtbar Gewalttätiges getan und wird doch als gewalttätige Art von Person oder gar als Verkörperung von Gewalt dargestellt, so verrät nach Butler besonders die letztgenannte Aussage meistens Rassismus. Bei einer Macht die oppositionelle Handlungen als Gewalt definiert führt das für die Betroffenen regelmäßig zur Entrechtung, Einkerkerung oder sogar zur Ermordung. Argumente gegen Gewaltlosigkeit setzen für Butler voraus, dass wir zwischen Gewalt und Nichtgewalt differenzieren. Sie möchte zu einer Definition von Gewalt gelangen, die tragfähig ist, obwohl sie immer wieder instrumentell im Dienst politischer Interessen und staatlicher Gewalt definiert wird. Eine Ethik der Gewaltlosigkeit kann außerdem für sie nicht in Individualismus gründen, sondern sie muss eine führende Rolle in der Kritik an diesem sowohl als Basis von Ethik als auch von Politik einnehmen, denn: Eine Ethik der Gewaltlosigkeit muss der wechselseitigen Verbindung und Verknüpfung Rechnung tragen, in der wir zu Einander stehen und die ebenso destruktiv wie lebenserhaltend sein kann. Dabei betrifft aber Gewaltlosigkeit für sie nicht nur menschliche, sondern sämtliche lebendigen und wechselseitig konstitutiven Beziehungen. Das Selbstsein steht so in einem Spannungsfeld sozialer Bezüge. Gewaltlosigkeit muss Wege finden so in der Welt zu leben und zu handeln, dass Gewalt kontrolliert, vermindert oder ihre Stoßrichtung verändert wird, auch und gerade dann, wenn die Gewalt als einziger Ausweg erscheint. Das kann durch körperlichen Einsatz sein, aber auch durch Diskurs, kollektive Praktiken, Infrastruktur oder Institutionen. Gewaltlosigkeit verlangt für Butler den Abschied von der Realität, wie sie sich heute oft darstellt, und die Offenlegung von Möglichkeiten neuen politischen Handelns und Idealen. Gewaltlosigkeit ist für sie dabei nicht einfach nur Abwesenheit von Gewalt, sondern bedeutet ein lang anhaltendes Engagement, dass Aggression umlenkt zum Zweck der Ideale von Freiheit und Gleichheit. Für sie ist Gewaltlosigkeit ohne Verpflichtung auf Gleichheit sinnlos. Wichtig ist in diesem Zusammenhang für sie der Begriff der Betrauerbarkeit: Unterschiedliche Leben gelten in dieser Welt für sie hauptsächlich deswegen nicht als gleich viel wert, weil bestimmte Leben nicht als der Trauer wert oder als nicht betrauerbar gelten.

Butler setzt sich in ihrem Buch für die vielen Minderheiten in unserer Gesellschaft ein, gegen Rassismus und Genderfeindlichkeit, für die Verfolgten und Flüchtlinge, gegen eine Identitätspolitik und Diskriminierung. Dabei nimmt sie immer wieder auch bedeutende Denker mit ins Boot, die uns zeitlich noch nahe stehen, wie z.B. Foucault, Fanon, Benjamin oder Freud, die ihre Argumentationen stützen oder aufbauen helfen. Sie erweist sich für mich in diesem Buch als bedeutende zeitgenössische philosophisch-ethische Stimme, die nicht nur an der Oberfläche bleibt und bei der es wirklich in die Tiefe geht. Ab und an führen sie ihre Überlegungen zwar meiner Meinung nach etwas vom selbstgewählten Thema weg, auch ist es wirklich kein leichtes, besonders zugängliches Buch, aber in jedem Fall sehr lesenswert und einer Beschäftigung in jedem Fall wert!

Jürgen Czogalla, 13.02.2021

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