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Philosophisch-ethische Rezensionen
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Agnes Callard, Sokrates. Wie man durch ein philosophisches Leben die Angst vor fast allem verliert, München 2026Für Sokrates, anders als für die meisten anderen Menschen, ist das Aufkommen von
tiefgründigen Fragen nicht das Schlimmste, sondern das Beste was einem passieren kann, stellt Callard fest. Sie führt aus,
dass für ihn unzeitgemäße Fragen wichtig waren, Fragen auf die man alleine keine Antwort finden kann, nämlich weil man sie
schon immer selbst beantwortet hat und sie das Fundament bilden, auf dem man steht. Das sind Fragen, so Callard, die sich
auch Tolstoi gestellt hatte, der Beantwortung aber immer ausgewichen war, beziehungsweise die Prüfung gleich zu Anfang
abgebrochen hatte mit einem „Diese Fragen kann kein Mensch beantworten“. Es sind solche Fragen wie „Was kommt bei dem
heraus, was ich heute tue, was ich morgen tun werden, aus meinem ganzen Leben?“. Callard ist der Meinung, das unzeitgemäße
Fragen nicht nur schwer zu beantworten, sondern auch schwer zu stellen sind. Das liegt daran, weil wir glauben, die Antwort
bereits zu kennen, und das meinen wir, weil wir unser ganzes Leben auf diese Antworten stützen. Deswegen, so Callard,
erscheinen uns diese Fragen nicht als Fragen. Solche unzeitgemäße Fragen sind etwa: Wozu materieller Wohlstand? Wozu meine
Kinder erziehen? Wozu sich um das Wohlergehen anderer Menschen kümmern? Etc…. Wir können uns, so Callard nicht zugleich auf
die Antwort stützen und gleichzeitig die Frage wirklich und nicht nur scheinbar stellen. Dabei bezeichnet sie als Wissen
eine Antwort, die das Ergebnis einer abgeschlossenen Prüfung ist und Wankelmut als ein Zeichen, wenn die Untersuchung vorzeitig
abgebrochen wird oder man sie gar nicht in Angriff genommen hat. Ein Schwanken wird dabei regelmäßig in den sokratischen
Dialogen deutlich. Viele Menschen, so weiß Callard, reagieren auf Sokrates unzeitgemäße Fragen nach einem bestimmten Muster:
Zuerst halten sie die Fragen für so einfach, das sich ein Nachdenken darüber kaum lohnt. Dann geben sie Antworten, die auf
eine performative Selbstbestätigung hinauslaufen. Die sokratische Methode nun lässt sich nach Callard wie folgt zusammenfassen:
Sei aufgeschlossen, forsche nach und bewege dich hin zum Wahren und weg vom Falschen. Dabei, so Callard, begriff Sokrates das
Lernen als eine soziale Tätigkeit, bei der die eine Person stärker nach der Wahrheit strebt und die andere stärker bemüht ist,
Irrtum zu vermeiden. Dabei übernimmt Sokrates regelmäßig die Rolle dessen, der falsche Wissensansprüche abwehrt. In den
sokratischen Gesprächen gibt es keine Moderatoren und es gibt auch keinen Interessenkonflikt. Es geht darum Fragen zu stellen
und Fragen zu beantworten, zu überzeugen oder überzeugt zu werden. Darum wehrt auch Sokrates die Vorstellung von Gesprächspartnern
ab, es gehe zwischen ihnen um eine oppositionelle oder kompetitive Note. Für ihn ist also die Widerlegung ein kooperativer,
ein kollaborativer Vorgang. Denn für Sokrates’ Gesprächspartner ist es schwer diese Form der Zusammenarbeit zu verstehen und
sie missverstehen ihn oft, weshalb die Gespräche oft den Charakter eines Wettstreites annehmen. Dabei gelingt es Sokrates,
so führt Callas aus, immer wieder eine Situation herzustellen, in der der Gesprächspartner aufrichtig etwas behauptet, das
er nicht glaubt, etwa wie: Ich glaube, ich weiß was Gerechtigkeit ist, aber tatsächlich weiß ich es nicht. Für sie geht es
bei diesem Paradox geradezu um die Praxis des Philosophierens: Man wird in die Lage versetzt, einen Gedanken auszusprechen,
der ansonsten immer in einem toten Winkel gelegen ist. Das Kennzeichen von Sokrates, so Callard, war das Bewusstsein seines
Nichtwissens: Antworten auf unzeitgemäße Fragen sind noch kein Wissen. Im Dialog mit einem anderen haben wir aber die
Möglichkeit unsere Antwort zu überprüfen. Callard nennt das eine Möglichkeit, wie wir weiterkommen können, ohne im Vorhinein
zu wissen, wie wir das anstellen sollen und eben das bietet die sokratische Methode. Aber, so Callard, es gibt auch Themen, für die sich Sokrates als Experten bezeichnet, wo er Antworten gibt. Diese führt sie dann in den Kapiteln Politik: Gerchtigkeit und Freiheit, Liebe und der Tod aus. Ein großer Wurf von Callard, hier Sokrates den heutigen Menschen zu erklären, ein zutiefst philosophisches und auch in den philosophischen Eros einführendes Buch, das wichtige Fragen stellt und Antworten liefert, die bodenständig sind und um die eigene Begrenztheit wissen. Ich bin sehr angetan. Jürgen Czogalla, 14.06.2026 ![]()
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