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Philosophisch-ethische Rezensionen
(Erscheinungsdatum der rezensierten Bücher: 20. und 21. Jahrhundert)

Agnes Callard, Sokrates Antwort auf die Frage nach dem Tod

Callard identifiziert 2 Todesängste: Auf der einen Seite die Angst, durch den Tod künftige Güter zu verpassen, zu denen wir in der Vergangenheit Zugang hatten. Auf der anderen Seite die Angst, etwas nicht zu erreichen, weil uns der Tod dazwischen kommt. Es geht bei letzterem also darum, sowohl gegenwärtige, als auch zukünftige Güter durch den Eintritt des Todes zu verpassen. Gibt es wirklich einen Grund, Maßnahmen für ein Ziel zu ergreifen, dass man nie erreichen kann? Hier handelt es sich um die Angst, sich vergeblich abzumühen. Sokrates Gedanken über den Tod erfahren wir besonders deutlich, so Callas, in Platons „Phaidon“, der über die letzten Stunden des Sokrates handelt, bevor der den Schirlingsbecher nimmt und stirbt. Da kommen auch Sokrates Zweifel, ob er sein Leben richtig gelebt hat, weiß Callard. Denn dort lesen wir, dass er aufgrund von Traumerscheinungen Musik zu treiben und Geschichten von Aesop in Verse zu setzen beginnt. Er hatte also Zweifel daran, dass Philosophie seine wahre Berufung ist. Dabei ist es die 2. Angst die ihn beschäftigt. Ist es Angesichts des Todes nicht vergebliche Liebesmüh mit der Philosophie? Er sieht, dass er Sterben muss, ohne das sein Lebenswerk vollendet ist. Er überwindet diesen Schmerz indem er hofft, dass er im Jenseits weiter philosophieren kann und auf Erden andere in seine Fußstapfen treten werden. So verbringt Sokrates seine letzten Stunden nicht etwa damit, ein letztes philosophisches Gespräch einfach nur zu genießen, sondern er sucht bis zuletzt nach Antworten, so Callard. Bis zuletzt ist er der Meinung, dass man sein wahrstes Selbst dann findet, wenn man mit seinen Freunden diskutiert. So kommt Callard zu dem Schluss, dass das, was Sokrates half, sich dem Tod zu stellen, nicht seine Überzeugung war, dass die Seele unsterblich ist, sondern sein Gespräch mit seinen Freunden, ob sie das auch wirklich ist. Und darauf hat er sich durch sein Philosophieren sein Leben lang vorbereitet: Unzeitgemäße Fragen zu stellen, die sich jetzt im Angesicht des Todes nicht mehr aufschieben lassen. Das Stellen von unzeitgemäßen Fragen ist ein sich Vorbereiten auf den Tod, und darum kann Sokrates behaupten, dass Philosophen Experten für Tod und Sterben sind und dass er sich sein ganzes Leben lang auf den Tod vorbereitet hat.

Auch kurz vor seinem Tod scheut er sich nicht, seine Überzeugungen von seinen Freunden in Frage stellen und ihn womöglich ins Schwanken bringen zu lassen. Er lässt sich bis zum Schluss existenziell herausfordern und seine Überzeugungen im Gespräch überprüfen zu lassen. Das hat alle, die in seinen letzten Stunden bei ihm waren, tief beeindruckt.

Jürgen Czogalla

14.06.2026