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Philosophisch-ethische Rezensionen
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Svenia Flaßpöhler, Zusammenbleiben. Von der Freiheit fester Bindungen, Stuttgart 2026Flaßpöhler erzählt ihren Weg von einer progressiven jungen Philosophin mit
kurzen Beziehungen und gelegentlichen One-Night-Stands in den Hafen einer sozusagen gut bürgerlichen Ehe, die nun schon seit
etlichen Jahren und seit 2 Kindern hält, was Flaßpöhler auch selbst rückblickend als doch ziemlich erstaunlich bewertet. Wie
um alles in der Welt ist es dazu gekommen? Warum die Ehe? Und natürlich: Wie bleibt eine eheliche Beziehung so lebendig, dass
sich am Ende die Wege des Paares nicht doch wieder trennen. Flaßpöhler geht dem Phänomen dieses
"Ja" zu einem Partner nach,
eruiert ihre eigenen Beweggründe und rationalisiert ihr Verhalten zum Beispiel auch mit Kierkegaards Begründungen, warum das
eine Gute Sache ist – Kierkegaard selbst blieb allerdings Zeit seines Lebens unverheiratet und war nun alles andere als ein
Befürworter der Gleichberechtigung der Frau, bringt aber in seinem Buch „Entweder – Oder“ doch ein paar brauchbare Argumente
für die Ehe vor, wie Flaßpöhler meint, in dem für ein solch ethisches Leben anstelle eines ästhetischen Künstlerlebens argumentiert
wird und für das Pathos des „Ja“. Denn beim Wählen kommt es nicht so sehr darauf an, so referiert Flaßpöhler Kierkegaard, das
Richtige zu wählen, als auf die Energie, den Ernst und das Pathos, womit man wählt. Wer so, in vollem Ernst und mit aller Leidenschaft
wählt, mit einem Menschen den Rest seines Lebens zu verbringen, legt in diese Wahl seine ganze Persönlichkeit und wählt, so
Flaßpöhler mit Kierkegaard, gleichzeitig sich selbst. Eine Wahl, nicht als das Ergebnis einer rationalen Pro und Contra Analyse –
denn die Partnerwahl übersteigt einen solchen Wissenshorizont -, sondern mit diesem Ja überantwortet man sich sozusagen der
Ungewissheit, aber nicht zweifelnd und hadernd, sondern im Modus des Glaubens. Flaßpöhler benennt den Existenzialismus von
Kierkegaard auf diesem Hintergrund als einen Bindungsexistentialismus. Dabei gilt für Kierkegaard, so Flaßpöhler, dass die
Ehe ästhetisch sein muss, um ethisch sein zu können. Es geht darum Gefühl und Pflicht im Akt der Wahl zusammenzuführen. In
dem „Ja“ wird sozusagen die eigene Vorsehung realisiert und nicht nur eine äußere Pflicht. Das Sinnliche und das Geistige,
Lust und Pflicht finden in der Ehe zueinander. Allerdings konstatiert Flaßpöhler bei Kierkegaard eine Feier allein der
männlichen Selbstfindung, bei der eine mögliche Selbstfindung der Frau gar keine Rolle spielt, was natürlich für eine moderne,
emanzipierte Philosophin wie Flaßpöhler ein enormes Defizit bedeutet, das sie mit Ihrem Buch tatsächlich beheben möchte. Denn
der von Kierkegaard propagierte Handel „Ich schenke dir Sicherheit, du mir dafür deine ganze Existenz“ (das ist jetzt aber
kein Kierkegaard Zitat), hat heute seine Grundlagen verloren, sobald Frauen für sich selbst sorgen und sich ein Leben auch
alleine vorstellen können. So tritt an die Stelle einer erzwungenen Harmonie immer wieder ein Geschlechterkampf mit Fragen
wie wer heute beim kranken Kind bleibt, wessen Arbeit gerade wichtiger ist, wer welche Freiräume gerade braucht, wann ein
guter Zeitpunkt für Sex ist, etc. Die eheliche Harmonie Kierkegaards explodiert also, sobald sich die Frau emanzipiert. Möglichkeiten,
die vormals nur für den Mann offenstanden, gelten jetzt auch für sie: Autonomie, geistige Betätigung, produktives Tun, Freiraum
und Entscheidungsmacht. Die Möglichkeit zu gehen, sich zu trennen, wird so für Flaßpöhler die Voraussetzung dafür, in Freiheit
zu bleiben. Flaßpöhler behandelt ihr Thema nicht nur über philosophische Texte, sondern vor allem anhand Ihrer eigenen Lebens- und Liebesgeschichte. Ihre Offenheit ist dabei sehr authentisch und wie ich finde auch mutig und sie bringt hier sozusagen ihre geballte (philosophische) Lebenserfahrung mit ein. Das kann für Paare hilfreich sein, die Zusammenbleiben möchten, auch wenn es womöglich gerade kriselt oder sich Lebenszeiten ändern (Jugend – Elternschaft – Alter). Man bekommt also durchaus ein paar praktische ermutigende Tipps und die Information, dass man, um sich in einer Monogamie wohl zu fühlen, nicht kirchlich gebunden zu sein braucht. Sie und ihr Mann sind nämlich aus Ihren Kirchen wegen dem sexuellen Missbrauch ausgetreten. Und Gott scheint in Ihrer Beziehung auch keine Rolle zu spielen, so weit ich das aus dem Buch herauslesen kann. Er spielt in Ihrem Buch nur ganz kurz eine Rolle bei ihrer Kierkegaard Interpretation. Ich habe dieses ehrliche Buch gerne gelesen und fand es besonders spannend, wie eine moderne, emanzipierte Frau zusammen mit einem offenbar auch ganz modernen Mann ihre Ehe durch alle Krisen hindurch gestalten. Dazu wünsche ich auch weiterhin viel Erfolg!Jürgen Czogalla, 18.10.2026 ![]()
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