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Philosophisch-ethische Rezensionen
(Erscheinungsdatum der rezensierten Bücher: 20. und 21. Jahrhundert)

Gottfried Gabriel, Grundprobleme der Erkenntnistheorie. Von Descartes zu Wittgenstein, 5. Auflage, Paderborn 2026

Gabriel versteht unter philosophischer Erkenntnistheorie die Untersuchung der Bedingungen, Möglichkeiten und Grenzen der Vernunft. Als philosophisches eigenständiges Teilgebiet, so weiß er, findet sie sich etwa seit 1830. Aber natürlich sind die erkenntnistheoretischen Fragestellungen viel älter. Gabriel erklärt die Entwicklung von Descartes (17. Jahrhundert) zu Wittgenstein (20. Jahrhundert). Dabei geht es für ihn allgemein um das Verhältnis erkennendes Subjekt zum erkannten Objekt, das für ihn folgende grundlegende Fragestellungen ergibt: 1. Die Frage nach dem Ursprung der Erkenntnis (ist die Vernunft oder die Erfahrung die Quelle der Erkenntnis), mit den Positionen Rationalismus, Empirismus (Sensualismus) und Kritizismus.

2. Die Frage nach der Realität (gibt es eine vom erkennenden Subjekt unabhängig existierende Außenwelt) mit den Positionen Realismus, Idealismus (Solipsismus) und Positivismus.

3. Die Frage der Beschaffenheit von erkennendem Subjekt und Welt mit den Positionen Monismus (Spiritualismus, Materialismus, neutralem Monismus) und Dualismus.

Dabei geht er selbstverständlich auch genauer auf den „linguistic turn“ im 20. Jahrhundert ein, bei der die Untersuchung der Sprache für die Erkenntnistheorie zentral wird.

Die untersuchten Positionen sind sicher zentral, aber doch recht wenige, die näher untersucht werden: Descartes, Locke, Berkeley, Hume, Leibniz, Kant, Schopenhauer, Frege, Carnap und natürlich als ein Schluss- und Höhepunkt des Buches Wittgenstein, mit Blick auf den „Tractatus“, die „Philosophische(n) Untersuchungen“ und „Über Gewissheit“. Dabei wird hier gerade auch sozusagen als Nebenprodukt durch die vorhergehenden Betrachtungen das Verständnis für Wittgenstein wirklich sehr gut vorbereitet. Das Buch schließt mit einem Anhang über philosophische Erkenntnisformen ab, die hier zwar kurz, aber nicht zu kurz für einen ersten Eindruck, abgehandelt werden (Propositionales Wissen, Definition als Erkenntnisform, Kategoriale Erläuterungen, Phänomenales Wissen, Erkenntniswert narrativer Vergegenwärtigung, Erkenntniswert deskriptiver Vergegenwärtigung). Besonders wird dabei noch auf die verschiedenen Methoden von Descartes und Wittgenstein eingegangen. Ein kleines, aber feines Literaturverzeichnis ist anbei. Das Buch ist explizit als philosophische Einführung konzipiert und erreicht seinen Zweck einen ersten Eindruck zu bekommen, sehr gut. Dadurch, dass die Vorstellung unterschiedlicher Positionen nicht ausufern, kann man eine gute umrisshaften Entwicklungsübersicht von der Neuzeit bis ins 20. Jahrhundert bekommen und erhält damit das grundlegende Werkzeug für eine nähere Beschäftigung, ohne überfordert zu werden. Allerdings ganz so einfach ist das Buch auch nicht zu lesen, und gerade den Sprung zu Wittgenstein zu nehmen, erfordert schon ein genaues, bedenkendes Lesen. Mit seinen 214 Seiten eigentlich noch ein kleines Büchlein – mit spannendem Inhalt.

Jürgen Czogalla, 30.03.2026

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