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Philosophisch-ethische Rezensionen
(Erscheinungsdatum der rezensierten Bücher: 20. und 21. Jahrhundert)

Gottfried Gabriel, Kontemplativer Solipsismus in Wittgensteins Tractatus

Für Wittgenstein, so Gabriel, ist die Seele, das Ich überhaupt kein Gegenstand. Denn Gegenständen ist wesentlich, so Gabriel, dass sie in Sachverhalten als mögliche Tatsachen vorkommen und so zur Welt gehören. Wittgensteins Subjekt ist aber gerade kein Teil der Welt. Er sucht die Lösung des Problems des ich in der richtigen Einstellung des Subjekts zur Welt der Tatsachen. Im Tractatus ist nur die Lebensform des Solipsismus vorgesehen, verstanden als des von Logik durchdrungenden kontemplativen Genies. Solipsismus und Sprachauffassung passen im Tractatus zusammen, was aber nicht gesagt werden kann, sondern was sich zeigt „...5.6 Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt..“ Wittgensteins Solipsismus bedeutet jetzt aber nicht, dass nur ich wirklich existiere. Sondern, in Anschluss an Schopenhauer, wird das Objekt in das Subjekt aufgenommen – eine ethische Überwindung, und zugleich gibt sich das Subjekt an das Objekt hin – eine ästhetische Überwindung. So ist nach Gabriel der Satz aus dem Tractatus zu verstehen „...6.421 Ethik und Ästhetik sind eins…“. In Wittgensteins Methode, so Gabriel, wird das Subjekt zunächst isoliert, das empirische Ich vom transzendentalen Subjekt getrennt und zwar in dem alle Eigentümlichkeiten des empirischen Subjektes in der Selbstbeobachtung zu Gegebenheiten auf Seiten des Objektes werden. Das empirische Subjekt wird so selbst zum Objekt und zugunsten des Objektes ausgedünnt, bis vom Subjekt nur noch ein die Realität koordinierender Fluchtpunkt bleibt, wie bei Schopenhauer das ewige Weltauge, das sich selbst nicht sieht. „...5.64 Das Ich des Solipsismus schrumpft zum ausdehnungslosen Punkt zusammen, und es bleibt die ihm koordinierte Realität…“ Die Welt des Glücklichen ist hier für Wittgenstein die Welt des Kontemplativen, die sich von der Welt des Unglücklichen dadurch unterscheidet, dass die Welt als Ganzes anderes gesehen wird, ohne dass sich dadurch die Tatsachen an sich ändern. Das empirische Ich muss also den Standpunkt des transzendentalen Subjektes einnehmen, so Gabriel, den widrigen Tatsachen zum Trotz. Für Gabriel ist die Welt des Tractatus eine Augenblickswelt, die sich nicht bewahrend festhalten lässt und immer wieder droht, in eine unglückliche Phase umzukippen. Wittgenstein, so Gabriel, scheint aber den kontemplativen Solipsismus als Dauerzustand angestrebt und gemeint zu haben. Damit hat er sich letztlich übernommen, wie seine Biographie zeigt und hat wesentlich dazu beigetragen, dass er sich später die Frage nach dem guten Leben neu gestellt hat, denn Wittgenstein ist ein existentieller Denker im Gewande des Logikers und Sprachphilosophen. Er wird später etwa in den „Philosophischen Untersuchungen“ die Objekt-Subjekt Spaltung statt durch Kontemplation durch Praxis versuchen zu überwinden.

Jürgen Czogalla

30.03.2026.03.2026