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Philosophisch-ethische Rezensionen
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Oliver Jahraus, Verstrickte Philosophie. Heidegger und der Nationalsozialismus, Dietzingen 2026Oliver Jahraus gibt eine Rezeptionsgeschichte zum Thema zum Besten. Es ist also
ein Buch fast ausschließlich über Sekundärliteratur und keine und wo doch nur dezent-verschämte Abarbeitung an oder Aufarbeitung
von primären Quellen. Dabei wird festgestellt, dass Heidegger bis zuletzt ein Nazi und ein Antisemit gewesen ist und dass es
aus seiner Sicht nicht möglich war, sich später zu distanzieren oder auch nur Bedauern auszudrücken, weil er dadurch sein
philosophisches Werk gefährdet sah, dass sich für diese Verstrickung als äußerst anfällig erweist. Letztlich schließt sich
auch Jahraus Habermas berühmten Diktum an, dass man Heidegger gegen Heidegger denken und wenden muss. Sein philosophisches
Werk sollte man nicht naiv, sondern kritisch mit diesem dunklen Hintergrund lesen. Zugleich wird aber auch betont, dass seine
Philosophie keine plumpe Vermittlung von Naziideologie ist, sondern nach wie vor als Meilenstein der Philosophie des 20.
Jahrhunderts angesehen werden muss.
Verbrennen sollte man also eine Philosophie nicht. Die Rezeptionsgeschichte zu den Themen
Heideggers Verstrickung in den Nationalsozialismus, Heidegger als politischer Philosoph, Heideggers nationalsozialistische
Philosophie, Heideggers Antisemitismus und besonders auch zu seiner Beziehung zu Hannah Arndt und Paul Celan, sowie die Grundstruktur
der deutschsprachigen Debatte über Heideggers Verstrickung werden in jeweils eigenständigen Kapiteln dargelegt. Wobei die sich
für den Autoren oben bereits genannten Schlussfolgerungen immer wieder wiederholt gezogen werden.
Darüber, dass sich das Buch fast ausschließlich darauf beschränkt, Rezeptionsgeschichte darzustellen und zu analysieren, sollte man sich beim Kauf des Buches im Klaren sein. Wer mehr oder weniger naiv, wie zum Beispiel ich, eine gut recherchierte Story aufgrund von Primärstudien erwartet, wird also über weite Strecken enttäuscht. Für Leute, die sich mit Heidegger abarbeiten wollen, bietet das Buch aber einen gut gegliederten Überblick und viele Literaturhinweise für weitere Forschungen. Fast scheint es so, als wollte uns der Autor ein bisschen Hannah Arendts Haltung zu Heidegger empfehlen: Verzeihen, aber nichts vergessen. Für mich persönlich ist und bleibt Heidegger aber ein ganz schlimmer Finger, den ich nur mit OP-Handschuhen anfasse, wenn überhaupt. Jürgen Czogalla, 12.04.2026 ![]()
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