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Philosophisch-ethische Rezensionen
(Erscheinungsdatum der rezensierten Bücher: 20. und 21. Jahrhundert)

Oliver Jahraus, Soll man Heidegger verbrennen?

Nach Jahraus handelt es sich bei Heideggers Philosophie um eine zu wichtige und bedeutende Philosophie, die man darum trotz seiner Verstrickung in den Nationalsozialismus nicht ignorieren darf. Seiner Meinung nach gipfelt seine Verstrickung nicht im Nationalsozialismus oder im Verbrechen, sondern in der Philosophie. Der Nationalsozialismus erscheint ihm als Fluchtlinie seines Werkes, aber nur eine und eine nicht eindimensionale, die in sein Werk hinein, aber auch wieder hinaus führt. Darum auch seine klare Antwort: Nein, wir sollten Heideggers Werk nicht verbrennen. Es gilt aber seiner Meinung nach anzuerkennen, dass man eine systematische nicht von einer historischen Lektüre des Werkes trennen kann. Heideggers Verstrickung in den Nationalsozialismus sieht er nicht nur als historisches Symptom, sondern auch als systematische Radikalisierung seines Denkens. Sein Antisemitismus erscheint ihm als Versuch, die philosophische Idee von der Überwindung der Metaphysik nicht nur politisch und historisch, sondern auch biologistisch und rassistisch zu verstehen. Allerdings hat Heidegger diese erschreckenden Ansätze bald aufgegeben und nicht weiter verfolgt. Dass ein solcher Versuch aber überhaupt erfolgte, kann dann aber nach Jahraus aus der Logik seines Werkes und der Entwicklung von Heideggers Philosophie heraus begriffen werden. Heideggers Denken war für diese Verstrickung also anfällig, ja disponiert. Um sein Werk als Ganzes nicht zu gefährden und aufzugeben, konnte er später diese Anfälligkeit nicht zugeben oder auf irgendeine andere Art und Weise verarbeiten. Die Empfehlung lautet dann, ihn mit großem Misstrauen, maximaler Wachsamkeit und kritischer Distanz zu lesen, auch und gerade wenn man den Autoren nicht lieben kann.

Jahraus stellt fest, dass das Denken der Moderne genauso wie das Denken der Postmoderne stark von Heidegger beeinflusst ist. Sein Einfluss auf das Denken der Gegenwart kann also kaum überschätzt werden. Allerdings, dort wo Heidegger nach einer Alternative für das Subjektparadigma sucht, entdeckt er nicht nur die Seinsgeschichte, sondern engagiert sich auch für den Nationalsozialismus. Seine Hoffnung auf eine Erneuerung der Philosophie verknüpft er also mit einem politischen Totalitarismus.

Von Heidegger abzulassen ist für Jahraus keine Option. Sondern er fordert dazu auf sich noch mehr mit Heidegger zu beschäftigen, weil er meint, aus seiner Verstrickung könne man viel lernen – über Heidegger und so viele andere Autoren des 20. und 21. Jahrhunderts.

Jürgen Czogalla

12.04.2026