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Philosophisch-ethische Rezensionen
(Erscheinungsdatum der rezensierten Bücher: 20. und 21. Jahrhundert)

Christine M. Korsgaard, Tiere wie wir. Warum wir moralische Pflichten gegenüber Tieren haben. Eine Ethik, München 2021

Die Harvard Professorin, begeisterte Katzenhalterin und überzeugte Vegetarierin Korsgaard hält die Weise, in der wir Menschen Tiere behandeln, für eine moralische Grausamkeit ungeheuren Ausmaßes. Philosophisch stützt sie dabei ihre Argumentation auf Aristoteles und insbesondere auf Kant, wobei sie aber deren Rahmen überschreitet. Sie meint dabei es sei etwas Wahres am Gedanken Kants, dass unsere moralische Pflichten Tieren gegenüber auf etwas zurückgehen, was mit unserem Selbstverhältnis zu tun hat, während unsere Pflichten gegenüber anderen Menschen auf Wechselseitigkeit beruhen. Auf dem Weg zu ihrer Erklärung geht sie Fragen nach wie z.B. worin menschliche Wesen sich von Tieren unterscheiden, ob Menschen wichtiger sind als andere Tiere und ob sie ihnen irgendwie überlegen sind. Ob Tiere einen moralischen Status haben und wie Lust und Schmerz damit zusammenhängen, dass etwas gut oder schlecht ist. Sie geht der Frage nach ob der, der für moralische Ansprüche der Tiere eintrete, damit auch genötigt werde das Beutemachen der Tiere untereinander zu unterbinden und welches Unrecht wir begehen, wenn menschliches Handeln zum Aussterben einer Art führt. Ihren eigenen Standpunkt wendet sie dann noch auf speziellere Fragen an: Sollen wir Tiere essen, Tiere als Arbeitstiere oder für militärische Zwecke nutzen oder Tiere als Haustiere halten?

Besonders geht sie auf Kants Position zum moralischen Status der Tiere ein und entwickelt in Auseinandersetzung mit ihm ihren eigenen Standpunk. Für den Menschen gilt für Kant die sogenannte, von ihm herausgearbeitete, Menschheitsformel: „Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als auch in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals als bloßes Mittel gebrauchst.“ Das bedeutet, dass wir etwa darauf verzichten sollten, jemand durch Gewalt, Zwang oder Täuschung in seinen autonomen Handlungen zu beeinflussen oder diese auf diese Weise zu durchkreuzen. Sie sollten sich von ihrer eigenen Vernunft leiten lassen und wir sollen auf alles Nötigen verzichten, die Handlungs- und Wahlfreiheit des Menschen muss geschützt werden. Ja, Korsgaard meint sogar es sei nach Kant außerdem von uns gefordert, dass wenn andere Menschen Hilfe brauchen, wir sie bei der Verwirklichung ihrer Ziele unterstützen sollten, wenn es mit anderen Zielen vereinbar ist, für die wir gute Gründe haben. Die Achtung vor der Menschheit in unserer Person gebietet unsere eigenen Ziele und Zwecke als erstrebenswert zu betrachten, aber auch anderen die gleiche Achtung zu bezeigen. Das Ganze bildet dann nach Kant ein Reich der Zwecke, in der alle der Idee verpflichtet sind sich selbst und einander als Zwecke an sich selbst zu betrachten. Korsgaard meint, dass damit alle Menschen eingeschlossen sind, auch etwa Kinder und Demente, weil alle funktional darauf angelegt sind, rational zu funktionieren. Das gilt aber nach Kant eben für Tiere nicht. Sie gelten Kant als Wesen, deren Dasein auf der Natur beruht und werden zu bloßen Sachen erklärt, die man auch als bloße Mittel gebrauchen darf. Trotzdem sollen wir aber Tiere nicht grausam, sondern mit Liebe behandeln, so meint Kant. Das schulden wir aber nicht den Tieren, sondern nach Kant uns selbst: Wenn wir Tiere schlecht und achtlos behandeln wird das Mitgefühl als einer sehr förderlichen Anlage im Menschen geschwächt und dadurch unsere Moralität im Verhältnis zu anderen Menschen unterminiert. Außerdem haben wir keine direkten Pflichten ihnen gegenüber nach Kant, weil sie an der für uns typischen wechselseitigen Gesetzgebung nicht teilnehmen können, der die moralischen Gesetze entspringen. Für Korsgaard ist Kants Theorie der indirekten Pflicht widersprüchlich, denn ein Geschöpf um seiner selbst zu lieben steht für sie in einem Spannungsverhältnis dazu, diese Liebe als eine Weise zu betrachten die moralische Anlage im Hinblick auf das Verhältnis zu anderen Menschen zu stärken. Wir schulden Tieren so sicher Dankbarkeit in anderer Weise als etwa Werkzeugen oder Maschinen. Kant legt uns nach Korsgaard nahe, Tiere aufrichtig zu lieben als wären sie Menschen, sagt aber gleichzeitig, dass wir nur so tun sollen, als seien es Menschen. So als würde er uns empfehlen Tiere so zu lieben wie ein Kind seine Puppe. Korsgaard meint dann, dass Kant seinen eigenen Begriff des Zwecks an sich selbst nicht in seiner ganzen Tragweite erfasst hat. Sie ist der Meinung, dass wir unseren eigenen Wert nicht schätzen können, wenn wir nicht zugleich den Wert der Tiere als Zwecke an sich selbst anerkennen. Denn Tiere haben, genau wie wir, ein höchstes, erstrebenswertes Gut. Zu dem zweiten oben erwähnten Kantischen Argument, das Korsgaard auch Reziprozitätsargument nennt – wir haben keine direkten Pflichten Tieren gegenüber, weil sie an einer wechselseitigen Gesetzgebung nicht teilnehmen können (sie sind nicht vernünftig, nicht autonom, können uns keine Pflichten auferlegen) – meint sie, dass wir Tieren gegenüber eine andere Art der Pflicht gegenüber jemandem haben, nämlich dem Inhalt unserer Gesetze nach, etwas schuldig sein zu können. Die Tatsache, dass Tiere nicht an der moralischen Gesetzgebung mitwirken ist kein zureichender Grund dafür, dass wenn sie unter dem Schutz des Gesetzes stehen, wir dann nicht in diesem Sinne ihnen direkt gegenüber verpflichtet sind. Korsgaard versucht dann in der Folge zu erweisen, dass wir Menschen nach vernünftiger Betrachtung solche Gesetze notwendig wollen sollten, Gesetze, deren Schutz sich auf Tiere erstreckt. Das tut sie, in dem sie nachzuweisen sucht, dass die Menschheitsformel auch auf Tiere angewendet werden muss, weil es Wesen sind, für die etwas gut oder schlecht sein kann. Unsere Empathie sagt uns, dass andere Geschöpfe sich selbst in derselben Weise etwas bedeuten, wir wir uns. Und unsere Vernunft lässt uns zu dem Schluss kommen, so Korsgaard, dass jedes Tier als Zweck an sich selbst betrachtet werden muss, auf dessen Schicksal es unbedingt ankommt.

Ich denke meiner kurzen Buchvorstellung ist schon zu entnehmen, dass ich Korsgaards Auseinandersetzung mit Kant besonders spannend fand, und sie ist sicher auch das Zentrum ihres Buches. Dadurch geraten zwar andere mögliche Begründungen für Tierwohl in den Hintergrund – Korsgaard glänzt hier sozusagen auf ihrem speziellen Kant-Fachgebiet -, darum ist es jetzt meiner Einschätzung nach keine wirklich breite Einführung ins Thema, aber das hat mir das Lesevergnügen nicht vergällt. Die Argumentation ist also speziell und für jemanden der mit Philosophie sonst weniger am Hut hat vielleicht auch nicht immer ganz leicht nachzuverfolgen, aber mit etwa Anstrengung kann man da meiner Meinung nach schon durchsteigen, da das Lesen des Buches eigentlich z.B. auch keine tieferen Kant Vorkenntnissen bedarf. Die Autorin erklärt es von A bis Z, wenn auch nicht immer auf ganz einfache Art und Weise. Das argumentative Niveau ist hoch – und so ist das Buch auch sicher für Leute vom Fach von Interesse. Einen leichteren Einstieg ins Thema ist etwa das Buch von Hilal Sezgin, Artgerecht ist nur die Freiheit, München 2014, das allerdings auch deutlich radikaler ist – für Sezgin ist die einzig verantwortbare Lebensweise die vegane.

Auch wenn es nur wenige Einschübe in ihrem Buch sind – besonders gefallen haben mir die Passagen, in denen Korsgaard persönlich wird und privates ausplaudert – ihre Liebe zu ihren Hauskatzen.

Ein starkes, anspruchsvolles Buch!

Jürgen Czogalla, 10.04.2021

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