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Philosophisch-ethische Rezensionen
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Maria-Sibylla Lotter, Opfer. Über Verwundbarkeit als Selbstbild, München 2026Lotter meint, das die Epoche, die durch die Begriffe von Vernunft und Freiheit
bestimmt war, zu Ende geht und wir in eine Epoche kommen, in der Verwundbarkeit unser Menschenbild bestimmt. Das hat zum Beispiel
die positiven Folgen, so Lotter, das psychische Leiden entstigmatisiert werden, der Zugang zu Behandlungsmöglichkeiten verbessert
wird und Menschen in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt werden, über die sich früher kaum jemand Gedanken gemacht hat.
Wie z.B. spezielle Belastungen von Frauen, sexuelle Minderheiten, Einwanderer und Menschen in prekärer Lage. So werden Empathie
und Solidarität geweckt und gestärkt. Allerdings, und das ist das eigentliche Thema von Lotter, hat dieser Paradigmenwechsel
auch seine Schattenseiten hervorgebracht, nämlich eine Übersteigerung psychischer Fragilität gefördert. Zum einen werden Gruppen
auf ihr Opfersein reduziert, zum anderen wird Anerkennung an die performative Bestätigung von Vulnerabilität gebunden. Heute
empfinden viele, so Lotter, die moralische Aufladung von Gruppenidentitäten als Opfer mit besonderen Zuwendungsansprüchen oder
sogar mit Vorrechten zunehmend als eine Ungerechtigkeit. Das führt zu Abwehrhaltungen und Ressentiments die Kulturkämpfe anheizen.
Außerdem haben sich moralische Begriffe erweitert und verschoben: Weg von den Intentionen des Handelnden und hin zu den Empfindungen
potenziell Betroffener, also eine Verschiebung vom Akteur zum Opfer, für Lotter eine grundlegende tektonische Bewegung innerhalb
des moralischen Diskurses mit weitreichenden Folgen auf normativer und gesellschaftlicher Ebene. Denn je weiter diese Begriffe
wie zum Beispiel
„Gewalt“ oder „Rassismus“ gedehnt werden, desto schwieriger wird eine Verständigung der Menschen untereinander.
Diskussionen geraten ins Stocken und man redet aneinander vorbei. Die gemeinsame moralische Grundlage gerät ins Wanken, die
es braucht, um Konflikte und Verletzungen überhaupt beurteilen zu können. Da diese Begriffserweiterungen im akademischen Bereich
zuerst entwickelt wurden, - im Umfeld von Geistes- und Sozialwissenschaften -, können Menschen ohne diesen akademischen Background
diese Ausweitungen der Begriffe psychischer und moralischer Verletzlichkeit kaum mehr nachvollziehen. Das verstärkt auch die
Tendenz zu Blasenbildung, so Lotter. Menschen suchen sich dann eben Gesprächspartner, die ihre Terminologie und Theorie bereits
teilen, statt sich auf Aushandlungs- und Erklärungsprozesse mit Außenstehenden, die oft sehr mühsam sind, einzulassen. Es besteht
darum die Gefahr der Spaltung der Gesellschaft, nicht nur in politischen Überzeugungen, sondern auch in moralischen Codes und
den Grundlagen moralischer Kommunikation, wie sie Lotter bereits derzeit in den USA feststellt. Außerdem, so meint Lotter, wer
seine Verletzungen in den Vordergrund rückt, nimmt seinen Handlungsspielraum anders wahr als derjenige, der Freiheit und Verantwortung
ins Zentrum stellt. Es gibt ihrer Meinung nach derzeit eine Tendenz weg von der Ermächtigung hin zur Festschreibung in Verwundbarkeit,
wie es sich z.B. in neuester Literatur zeigt. So tritt an die Stelle von Selbstermächtigung die Klage und an die Stelle von
Ambiguitätstoleranz die Ausweglosigkeit. Lotter packt ein heißes Eisen an und kritisiert eine überzogene Bewertung der Vulnerabilität, die uns eine ganze Zeit lang praktisch widerstandslos und klammheimlich überrollt hat, sich jetzt aber in einem zunehmenden Ressentiment und einem populistischen Rechtsruck in der Gesellschaft entlädt. So kann es also ungebremst nicht weitergehen. Es braucht wieder eine Neubesinnung auf Verantwortung, Freiheit und Eigeninitiative, ohne dass man Errungenschaften, die prekäre Gruppen gestärkt haben, einfach wieder streicht. Aber es gilt hier einfach die Werte wieder ins Gleichgewicht zu setzen und einer übertriebenen Betonung von Vulnerabilität ein klares Stoppschild entgegenzusetzen. Man ist nicht nur Opfer, sondern man kann sich immer auch eigenverantwortlich engagieren. Und vor allem bedeutet Opfersein nicht einfach gleich Gutsein, sondern das ist etwas, was sich an Wahrheit und Gerechtigkeit erweisen muss. Lotter hat also ein wirklich wichtiges Buch geschrieben, das aber nicht als bloßes plumpes Vulnerabilitätsbashing daher kommt, sondern ausgewogen bleibt. Jürgen Czogalla, 17.05.2026 ![]()
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