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Philosophisch-ethische Rezensionen
(Erscheinungsdatum der rezensierten Bücher: 20. und 21. Jahrhundert)

Maria-Sibylla Lotter, Die Problematik der Ausweitung des Gewaltbegriffs

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, so führt Lotter aus, wurde der Begriff der Gewalt in einem engen und klar umrissenen Sinn verstanden, nämlich als Anwendung körperlicher Kraft zur Überwindung eines Widerstandes. Dabei stand die Täterperspektive im Zentrum. Gewalt wurde in Kontexten wie Krieg, Verbrechen und körperlichen Übergriffen verwendet. Durch den klaren Täterbezug war Gewalt von täterfreien Übeln, so Lotter, wie Krankheit, Armut oder ungerechten sozialen Verhältnissen klar getrennt. Die Bedeutung des Begriffs war außerdem unabhängig von politischen oder religiösen Ansichten. Das Verständnis von Gewalt war also gekennzeichnet durch körperliche Konkretheit, sinnliche Wahrnehmbarkeit, unabhängig von Ideologien oder Theorien, sowie durch eine eindeutige Täterzuordnung. Heute aber, so Lotter, ist kein einziges dieser Merkmale mehr Voraussetzung dafür von Gewalt zu sprechen. In den 1960ern initiierte der norwegische Soziologe Johan Galtung den Begriff der strukturellen Gewalt. Er bezieht den Begriff der Gewalt auf soziale Verhältnisse, die dazu führen, dass ärmere und marginalisierte Menschen, so Lotter, ihre Potentiale nicht ausschöpfen konnten. So machte er das Ganze zum Skandal. Strukturelle Gewalt zeigt sich etwa in ungleichen Bildungschancen, Armut, Diskriminierung oder fehlendem Zugang zur Gesundheitsversorgung. Der Begriff der Gewalt wurde also stark horizontal erweitert. Der Schwerpunkt des Gewaltbegriffs beginnt sich hier vom Täter auf das Opfer zu verschieben. Gewalt findet dort statt, wo Menschen unter etwas leiden, was von Menschen gemacht und vermeidbar ist. Es gibt keinen individuellen Täter mehr, sondern gesellschaftliche Verhältnisse sind die Ursache. Außerdem wird der Begriff vom Aspekt der physischen Gewalt gelöst und es wird zunehmend unklar, wo die Grenzen seiner Anwendung liegen. Schließlich bezieht sich ein solcher Gewaltbegriff nicht mehr auf einen äußerlich beobachtbaren Vorgang, über den über alle gesellschaftlichen und ideologischen Grenzen hinweg Einigkeit besteht, sondern der Gewaltbegriff wird jetzt abhängig von sozialtheoretischen und gesellschaftspolitischen Annahmen, die nicht mehr länger von allen geteilt werden. Ungefähr zur gleichen Zeit, so Lotter, wurde der Gewaltbegriff auf die Psyche ausgedehnt, so dass etwa Demütigungen oder Beleidigungen heute als psychische Gewalt bezeichnet werden. Eine weitere Ausdehnung des Begriffssinns geschah durch den französischen Soziologen Pierre Bourdieu, der den Begriff der symbolischen Gewalt in den Ring warf. Diese wird von Gruppen auf rein symbolischem Wege der Kommunikation und des Erkennens und Verkennens produziert, so dass sie allen Beteiligten als ganz natürlich und normal erscheint, wie etwa, wenn Frauen als schwach oder intellektuell minderwertig wahrgenommen werden. Damit verwandt, so Lotter, ist die Vorstellung einer epistemischen Gewalt, die in postkolonialen und feministischen Kontexten diskutiert wird. Damit ist die gesellschaftliche Delegitimierung oder Auslöschung bestimmter Wissenstraditionen gemeint. Die Initiatoren dieser Begriffserweiterung, so Lotter, wollten natürlich ursprünglich nicht dessen wissenschaftliche Präzision untergraben, sondern sie suchten passende Begriffe, um subtile und dabei nachhaltige Formen der Unterdrückung zu benennen. Darum wird diese Begriffserweiterung, so Lotter, von vielen Geistes- und Sozialwissenschaftlern als zivilisatorischer Fortschritt angesehen. Die negative Nebenwirkung ist nun aber die Unschärfe des Gewaltbegriffs, die dazu führt, dass er droht seine Unterscheidungsfähigkeit zu verlieren und nur noch Ausdruck einer bloßen Wertung wird. Denn wo von Gewalt die Rede ist, weiß man oft nicht, ob körperliche, psychische oder sprachliche Gewalt gemeint ist. Die Erweiterung des Gewaltbegriffs hatte ursprünglich das Ziel, Menschen aufzurütteln und auf ein wichtiges Problem aufmerksam zu machen. Aber mit der Schärfe schwindet, so Lotter, auch seine emotionale Schlagkraft und das ursprüngliche Ziel kann nicht mehr erreicht werden.

Jürgen Czogalla

17.05.2026