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Philosophisch-ethische Rezensionen
(Erscheinungsdatum der rezensierten Bücher: 20. und 21. Jahrhundert)

Jürgen Manemann, Kluge Radikalität. Perspektiven christlicher Politikethik, Bielefeld 2026

In unserer Zeit machen sich nach Meinung von Jürgen Manemann Dummheit, Zynismus und Ressentiment breit. Dagegen will er kluge Radikalität setzen, die unter anderem gegen eine Verkümmerung unserer Fähigkeit der Mitleidenschaft helfen soll. Dabei wird sie vom Anspruch des Guten bewegt, das den Blick auf die Wirklichkeit schärft, wodurch Klugheit erwächst, die den komplizenhaften Umgang mit herrschenden Verhältnissen durchbricht. Für ihn gibt es einen unauflöslichen Zusammenhang von dem Guten, der Revolution, den Tugenden und der Aufmerksamkeit. Dadurch wird ein schöpferisch-befreiendes und höchst kreatives Handeln freigesetzt. Kluge Radikalität bezeichnet er dabei als das Prinzip christlicher Politikethik, der es darum geht, Menschen zu helfen, besser zu werden. Die herrschende Seinsordung wird dabei vermöge des Individuums aufgebrochen. Christliche Politikethik erinnert, so Manemann, daran, in einer Welt in der alles berechnet wird, schlicht und einfach umsonst zu handeln. Autoren, auf die er sich immer wieder bezieht, sind unter anderem Iris Murdoch, Simone Weil und Josef Pieper. Auch päpstliche Verlautbarungen werden gerne zitiert.

In dem Buch sehe ich sozusagen einen Masterplan für Methoden der christlichen Politikethik und der Begründung dieser Methoden, die sich dann für alle möglichen Anliegen anwenden lassen. Dazu gibt es gegen Ende des Buches auch ein praktisches Beispiel, ein Projekt gegen Obdachlosigkeit in Hannover.

Mir persönlich hat das Buch aber im Grunde nichts gebracht. Die Adressaten sind offensichtlich eine intellektuelle Elite, die wohl begeistert werden soll. Bei mir selbst setzt die Begeisterung allerdings nicht ein, zu verwaschen und unscharf bleiben bei all den immer wieder einsetzenden Erklärungen mit den vielen blumigen Begriffen und einer Vielzahl dem Leser vorgesetzten strammen Definitionen, um was es der christlichen Politikethik eigentlich geht. Wenn mir dann noch seitenlang erklärt wird, was Dummheit ist, setzt es dann bei mir schon aus. Zudem ist das Buch mit sage und schreibe 802 Anmerkungen gespickt, sodass mir der Eindruck vermittelt wird, dass der Autor sich nicht einmal die Zeit genommen hat, eigenständig zu formulieren. Es gibt immer wieder lange Abschnitte, wo es wirklich zu fast jedem Satz eine Anmerkung gibt. Das ist vielleicht in einer Magister- oder Doktorarbeit noch irgendwie O.K. – da freut sich dann wohl mancher Korrektor darüber, dass der Schreiberling möglichst wenig selbst denkt, solange er seine Bezugsquellen noch nennt – aber für eine ernstzunehmende Buchveröffentlichung ist das meiner Meinung nach ein No-Go. So jedenfalls ist für christliche Politikethik kein Blumentopf für eine breitere Basis zu gewinnen.

Jürgen Czogalla, 20.09.2026

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