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Philosophisch-ethische Rezensionen
(Erscheinungsdatum der rezensierten Bücher: 20. und 21. Jahrhundert)

Hartmut Rosa, Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums, Berlin 2026

Rosa hat beobachtet, dass die spätmoderne Gesellschaft in immer mehr Bereichen des sozialen Lebens aus handelnden Akteuren, die komplexe Situationen mit Urteilskraft, Fingerspitzengefühl und Lebenserfahrung bewältigen, reine Vollziehende macht, die nur noch einem Protokoll folgen und sich von Vorschriften und Algorithmen leiten lassen, bei der moralisches Urteilen und Sinndeutung nur noch stören. Während der Handelnde in komplexen Situationen über Spielräume verfügt, welche dann den Einsatz von Urteilskraft verlangen, führt der Vollziehende nur noch Vorgaben auf, bzw. setzt Entscheidungen um, die andere getroffen haben. Handelnde befinden sich in dieser Sichtweise in einer Situation, Vollziehende in einer fremdbestimmten Konstellation. Sie erleben sich mehr als Beobachter oder Bearbeiter eines Sachverhaltes denn als wirkliche Akteure. Als Beispiele nennt er dann etwa das kleine Mädchen, dem sein Burger herunterfällt und dem Angestellten es laut Vorschrift verboten ist, ihr einfach einen neuen umsonst zu geben (sie kann aber stattdessen eine E-Mail an den Kundenservice schreiben und erhält dann vielleicht einen Gratisgutschein), den Schiedsrichter beim Fußball, der vom VAR überstimmt wird, den Professor, der bei der Korrektur von Klausuren sich durch eine lange Quality Liste durchhangeln muss oder der Lehrer, der sich strikt an den Lehrplan halten soll. Viele weitere Beispiele sind in dem Buch noch genannt. Für Rosa bedeutet sein Plädoyer für das Handeln ein Plädoyer für das Leben, denn dieses entfaltet sich seiner Meinung nach in tätiger Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit, in der wir immer neue Erfahrungen machen durch die wir uns dann entwickeln und auch verändern. Dadurch entwickeln wir unsere Selbstwirksamkeit und unsere Urteilskraft und erfahren uns als moralisch verantwortliche Wesen. Diese Spielräume, so stellt er fest, sind vom Verschwinden bedroht und zwar bereits dort, wo sie am nötigsten sind, in der Kindheit. Gelingende Weltbeziehung dagegen zeigt sich in Anschlussfähigkeit (der gestaltende und wirksame Austausch zwischen Selbst und Welt), Beweglichkeit (das Handeln passt sich geschmeidig an unterschiedliche Situationen und Herausforderungen an) und Erweiterung (das Weltverhältnis nimmt durch die gemachten Erfahrungen an Qualität zu). Auch wenn Produkt und Ergebnis einer vollziehenden Tätigkeit perfekt sind, wird durch rein vollziehende Tätigkeit unser Alltag nach Rosa farblos, freudlos und grau, nämlich weil die Subjektivität in einer solchen Tätigkeit irrelevant ist, stillgelegt wird oder als bloßer Störfaktor erscheint. Er weiß aber natürlich auch, dass Reglementierung und Bürokratisierung für den modernen Staat unerlässlich sind, weil andernfalls Willkür, Machtmissbrauch und Korruption drohen. Er warnt aber vor dem Überhandnehmen des Vollzugs, plädiert für eine Lockerung und stattdessen für die Anwendungen zum einen, des bewussten, vernünftig begründeten Regelbruches (z.B. wenn die Regel zu der Situation gar nicht passt und die Anwendung negative Wirkungen hat) und zum anderen einer Strategie von klug eingesetzter Supervision auf der Metaebene des Handelns in und zwischen Organisationen, die dort einschreitet, wo es Hinweise auf systematische Korruption und Willkür gibt. Die den Regeln und Verfahren buchstäblich eingeschriebene Hermeneutik des Verdachts, die davon ausgeht, dass Spielräume etwa für Machtmissbrauch oder Korruption ausgenutzt werden, will er durch eine Hermeneutik des Zutrauens ersetzen, die dann aber auch institutionell-organisatorisch abgesichert wird.

Grundsätzlich finde ich es gut, wenn Rosa auf die Gefahren vor zu viel Vollzug hinweist, befinde mich aber nach eigener Erfahrung noch lange nicht in einer Situation, die einen solchen Alarmismus rechtfertigt. Natürlich gibt es auch in meiner Berufstätigkeit bereits gewisse Qualitätsanforderungen, die mir aber nicht alles bis in Detail vorschreiben, sondern einen Mindestqualitätsstandard setzen, der meine Handlungsfähigkeit nicht auslöscht. Wir leben auch nicht mehr in der Steinzeit und müssen unser Leben wirksam auf unser komplexes Umfeld hin ausrichten. Dazu gehört es meiner Meinung nach zwingend auch dazu Quality Guidelines für unser soziales und wirtschaftliches Leben vorzulegen, die natürlich kritisierbar bleiben, unterkomplex sein sollten, damit sie für verschiedenste Situationen anwendbar bleiben und den Handlungsspielraum erlauben, der zu einem gelingenden Leben des Austausches auch gehört. Denn wir sind Menschen und sollten auch nicht darauf ausgerichtet werden, wie KI zu funktionieren. Denn das wäre tatsächlich zutiefst inhuman.

Jürgen Czogalla, 28.02.2026

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