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Philosophisch-ethische Rezensionen
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Hartmut Rosa über das Verschwinden von Handlungsspielräumen in der Kindheit nach Jonathan HaidtRosa bezieht sich auf Jonathan Haidt, einen US-Sozialpsychologen, der von
dem Wandel von einer spielbasierten zu einer smartphonebasierten Kindheit spricht. Er übersetzt es in seine eigene
Formulierungen so, dass ein Übergang von überwiegend situativen zu einer dominant konstellativen Sozialisation geschieht,
den er auch für den dramatischen Anstieg von psychischen Erkrankungen und das deutlich abnehmende psychischen Wohlbefinden
von Teenagern und Studierenden in der westlichen Welt mitverantwortlich macht. Während Kinder früher auf Entdeckungsreise
durch die Welt gingen, also Dinge einfach ohne Aufsicht und Anleitung ausprobiert haben, was auch durchaus mit gewissen
Risiken verbunden ist, sie dadurch aber auch ihre Selbstwirksamkeitsmöglichkeiten und -grenzen kennenlernten und Herausforderungen
des Lebens begegnen konnten, ihre ganze Person gefordert wird, werden ihnen heute immer öfter pädagogisch wertvolle Spielregeln
unter Aufsicht von pädagogischen Fachkräften angeboten, die den Kindern keinen eigenen Spielraum mehr lassen. Das hindert
sie letztlich eine robuste Weltbeziehung zu entwickeln. Haidt spricht von einem schädlichen Sicherheitskult von Gesellschaft
und Eltern, die aus dem Wunsch entsteht, Risiken und Gefahren auf allen Ebenen der menschlichen Existenz so gut wie möglich
auszuschalten. Das führt dazu, dass man junge Menschen kaum oder niemals sich selbst überlassen will, Spielplätze eingezäunt
werden und Interaktionen in Klassenräumen und Unterrichtsmedien so gestaltet werden, dass psychische Verletzungen möglichst
nicht mehr vorkommen. Der Lebensweg der Kinder soll also von allen Gefahren und Hindernissen freigeräumt werden. Daraus
spricht zum einen ein wachsender Vertrauensverlust in die Welt da draußen und stattdessen der generalisierte Verdacht,
fremde Erwachsene seien tendenziell eine unkontrollierbare Gefahr für den Nachwuchs. Es fehlt also ein vitales Grundvertrauen,
das offene Situationen eher dazu tendieren gut oder glimpflich auszugehen. Stattdessen geht man vom Schlimmsten aus, was
zu einer Reduktion sozialer, materialer und territorialer Spielräume führt, in der sich Kinder auf eigene Faust bewegen
können. Zum anderen besteht ein gesellschaftlicher Optimierungsdruck, der Eltern dazu bringt, ihren Kinder ständig etwas
beibringen zu wollen und ihre Freizeitaktivitäten durchzuplanen, sodass Nachmittage und Wochenenden sich im Stile von
To-do-Listen gestalten, die abzuarbeiten sind. Und schließlich noch die sozialen Medien und Computerspiele, die einen
Raum bieten, in dem Kinder vor den Gefahren der realen Welt geschützt sind. Das führt nach Haidt, so weiß Rosa, zu Erfahrungsblockaden.
Kinder üben sich nicht in wichtige Fähigkeiten ein, um auf eine reale Welt handelnd antworten zu können. Rosa fasst es
so zusammen, dass Handeln physisch riskant ist, vollziehen zwar sicher, aber dafür tendenziell einsam, ängstlich und
depressiv macht. Denn wer wir sind, finden wir nur heraus,indem wir uns expressiv, fühlend, formend und auch leidend an
die Welt und in der Welt entäußern.
28.02.2026 |